GRAZ ZWEITAUSENDDREI Kulturhauptstadt Europas
HOME SITEMAP BLINDENGERECHTE VERSION ENGLISH

Projekte A-Z
A-D
E-H
I-N
O-T
U-Z
Genres
Kalender
Beiprogramm
Schulkooperationen
Programmnews-Archive

backforward
Programm
Genre: Literatur


writers in residence: Olga Flor
Das geheime Leben der Rosamunde P.
oder Die Rose meines Begehrens

Ich weiß, warum du hier bist. Ich bewahre dein Geheimnis, Rosamunde. Deshalb werde ich dich nur Rosamunde nennen, auch wenn du Rosamunde Pichler an die Tür geschrieben hast. Natürlich durchschaue ich die Täuschung. Warum nur lässt mich dein Name an einen Polizeipräsidenten denken? Und diese unerklärliche Lust auf Kaffee. Ich weiß, dass du Kaffee magst. Dein Name, Rosamunde, duftet nach Kaffee, nach Rosengärten, nach luftig leichten Operetten, die vor dem herrlichen Hintergrund des Rosengartens am Grazer Schloßberg spielen. Ich glaube, du magst Operetten. Ich heiße Justus B. Liebig, so wie be-liebig (Doch was ist ein Name, Rosamunde? Die Rose, Rosamunde, wie sie auch hieße, würde lieblich duften.), und wohne im Haus meiner Mutter. Ich bin Privatier. In meiner freien Zeit beschäftige ich mich mit Rosen. Ich züchte sie im Garten, und mein Traum ist es, eine Rose hervorzubringen, die dir gerecht wird, Rosamunde.

Du bist vor kurzem eingezogen, die Freundin einer Freundin, hat Mama gesagt; du hast ein wunderschönes Messingtürschild befestigen lassen, und ich nehme es dir nicht übel, dass du dich mir nicht vorgestellt hast. Du suchst Ruhe, hat Mama gesagt. Ich beobachte deine Tür manchmal durch den Spion; ich wohne ja gleich gegenüber. Wir haben die ganze Beletage für uns, Rosamunde. Ich habe dich erst ein einziges Mal erspähen können, von hinten, im Trenchcoat (Was sonst! Du bist eine Frau mit Stil! Du verstehst es, dich rar zu machen, mach dich rar, hat Mama immer gesagt.), und deine grauen Locken hast du mit einem durchsichtigen Plastikkopftuch geschützt, das tragen Engländerinnen gerne. Du kannst mir vertrauen, Rosamunde. Ich weiß, warum du zu uns gekommen bist. Hier kann man fühlen. Bei uns bist du richtig. Unsere schöne Sprache ist eine Sprache des Gefühls, melodiös und einfach. Alle großen Gefühle sind schlicht. Die liebliche Landschaft der Steiermark ist eine Landschaft voller Empfindungen. Du suchst Inspiration in den sanften Hügeln und den tiefen Tälern. Hier gedeihen prächtige Gedanken. Nur manchmal braut sich ein Sturmgewitter zusammen, ein schilchergeschwängerter Brausewind, der über die Bäume hinwegfegt und sie beutelt und biegt. Das reinigt die Luft. Ja, man kann mit Recht behaupten, dass deine Seelenlandschaft der unseren verwandt ist wie dein Name unserem rosenblütenfarbenen Seelentröster. Der Schilcher, der allenfalls der fremden Zunge ein wenig herb schmeckt, versetzt das steirische Blut in Wallungen, das bekanntlich kein Himbeersaft ist. Aber auch unter dem herben englischen Äußeren schlägt ein leidenschaftliches Herz, nicht wahr, Rosamunde, und färbt die Wangen teerosenrot. Vielleicht sollte ich einmal mit einer Flasche Schilcher vorstellig werden? Oder wäre doch die Einladung zu einem gemütlichen Kaffee passender? Vielleicht würdest du dich freuen, mich näher kennen zu lernen. Bestimmt haben wir gemeinsame Interessen. Unser Opernhaus ist sehr schön, wenn auch dieses Freiheitskunstdingsda die Sicht verstellt. Ich bin mehr für die Schönheit. Dabei könnte man sich näher kommen, Rosamunde. Ich bin sicher, wir werden uns verstehen, ich heiße nämlich nicht umsonst Justus: Die Gerechtigkeit ist mir ein ebenso großes Anliegen wie die Schönheit. Das habe ich bei der Rosenzucht bemerkt. Ich erzähle dir von der Rose meines Begehrens. Das könnte dich inspirieren, Rosamunde. Wenn die Rose zum Beispiel ins Kraut schießt und den anderen das Licht wegnimmt oder wenn sie gar zu schön wird, handle ich gerecht und schneide sie ab. Ich frage sie: Willst du denn alles für dich alleine haben? Das wirst du doch einsehen, dass das nicht geht. Bescheidenheit ist eine Zier. Sogar für eine Rose.

Ach, Rosamunde. Oft wirst du nicht hier sein, hat Mama gesagt; ich muss die Zeit nützen. Ich warte hinter der Tür, und wenn du wieder kommst, werde ich das Glück beim Schopf packen und dich mit einem steirischen Rosenstrauß beglücken.

Olga Flor:

Geboren 1968 in Wien. Lebt seit 1978 in Graz. Seit der Beendigung des Physikstudiums Berufstätigkeit im Multimedia-Bereich. 1997 bis 1999 längere Aufenthalte in Modena. Zwei Kinder, eineinhalb und sieben Jahre alt.
Erste Lesung im November 1998 im Forum Stadtpark in Graz.
Veröffentlichungen im ORF und in verschiedenen Literaturzeitschriften (Lichtungen, Manuskripte).
Erzählungen, Kurzprosa. Erster Roman: "Erlkönig". Präsentation des Romanmanuskripts bei den Werkstattlesungen zu dem von Günter Grass gestifteten Alfred-Döblin-Preis 2001.
Das Buch "Erlkönig. Roman in 64 Bildern" erschien im März 2002 bei der Steirischen Verlagsgesellschaft (Leykam). ISBN: 3-85489-066-4.
Drama: "Die Renegaten" erscheint in der März-Nummer der Manuskripte 2002.
Literaturförderungspreis der Stadt Graz 2001.
Mitglied der Grazer Autorinnen Autoren Versammlung, Mitglied der Literar-Mechana.

Ein Projekt von Graz 2003- Kulturhauptstadt Europas und der edition schreibkraft










OFFICIAL PARTNERS
SPONSORED BY