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Genre: Literatur


writers in residence: Fritz Krenn
Franz Kafka in Graz

Franz Kafka in Graz

Felice, mein mir jetzt so nah gewordener Engel. Es lässt mich wieder an dich denken. Wer weiß aus welchem Glück heraus und wann wir wieder in schönster Hoffnung in Prag beieinander sein können. Nun, ich habe meine Reiseroute überraschend geändert und anstatt wie auf wiederholtes Anraten meines Arztes nach Zürau zu fahren, um mich endlich auszukurieren, habe ich mich doch für hier, wie du sagst "für das Graz, im fernsten, aber schönsten Teil des Südens" entschieden, um nicht zuletzt auch auf Drängen meines Vaters diese Zeit für ein weiteres Arbeitsstudium in einem fremden Haus, in dieser malerischen Stadt für eine Weile dem Nordwestböhmen vorzuziehen.
-Geh' nicht zu lang so weit weg - hör ich dich noch reden.
Nun, mein Liebes, miteinander gesehen ist es weder weit von unserem Platz, noch lange an Zeit, die uns trennen wird. Von meinem nächtlich offenen Fenster unweit des Rathauses höre ich nämlich ein ähnliches Quietschen und Schleifen der Tramräder wie von jener Linie bei uns, wenn sie über den Graben fährt und vor dem Café Continental in Richtung meiner Straße biegt, und ich dich beim Heranfahren schon im Wageninneren vermute. Und gleich bin ich gewillt in dieser nächtlichen Grazer Stunde im nächsten Moment loszugehen um nach dir Ausschau zu halten.
25 Tage Arbeit habe ich hier schon vollbracht in diesem durchaus schmucken, von gar vier Direktoren geleiteten Bankhaus nah der Ecke Landhaus zur Schmiedgasse. Die Menschen, die bei mir wegen ähnlicher Verträge und Polizzen wie zu Hause in meiner Arbeiter- und Unfallversicherung (sogar die Farbe des Signets ist die gleiche) vorzusprechen haben, sind manchmal gar erbärmlich arm im Herzen. Eine halbe Stunde war es heute um einen Geldbetrag gegangen, für den man bei uns am billigsten Markt hinter dem Bahnhof an einem kalten Regentag, nachdem die Verkäufer schon zusammengepackt haben, nicht einmal ein abgefallenes Rosenblatt bekommen würde. "Es ginge ja nicht um den Betrag, sondern nur um das Prinzip", so der ständig vorgebrachte, stets leicht erboste Kundeneinwand, während um uns herum unmerklich die Zeit verrann!
Und etwas später beim Ausfüllen des Vertrages - "Sie sind doch Jude?!" Und ich hab mich nach dieser zwischen zwei scharfen Klientenaugen herausgeschossenen, mich betreffenden Feststellung, im Datum dieses auf zehn Jahre abzuschließenden Vertrages verschrieben, was mir selten passiert. Anstatt 15. März 1928, also das reguläre Ende der Versicherung, habe ich den 15. März 1938, somit ein erheblich anderes Ende, auf dem Vertrag notiert. Ich weiß auch nicht. Ich will zu dieser Zeit jedenfalls nicht mehr hier sein. Oft denke ich meine Zeit in diesem Haus dauert nicht erst 25 Tage, sondern schon deren Jahre.
Was mich verblüfft, fast jeder Besucher der wenigen aber durchaus stimmungsvollen Cafés, auch mancher Gast in den kleinen niedrigen Stadtgasthäusern ist beinah schon ein Philosoph, jeder aber ein Schriftsteller, mancher gar ein Dichter. Vielerorts war einer gleich, was wie auch bei uns jetzt in Mode zu kommen scheint, ein Architekt. Und manche sind Musiker oder Maler, aber ohne Staffelei, die mir als die liebsten erscheinen. Wenn die reden, so malen sie wirres Zeug in die Luft - und ich denk mir dann meine Figuren dazu. Ich arbeite zur Zeit zögerlich an Feinem herum. In meiner Geschichte darf keiner einen Schritt zu weit gehen, sonst lass ich ihn vom Jakob Redtenbacher fressen, wie ich zu ihm, meinem verehrten Straßenpatron sage, in der meine kärgliche Schlafstätte in einem schönen Haus mit vor allem ruhigen und vornehmen Menschen ganz oben unter dem Dach untergebracht ist. In den Nächten, wenn es draußen über den Türmen des wunderschön etwas höher gelegenen Mausoleums längst still geworden ist und die Glocke vom Schloßberg - ähnlich unserem Hradschin - schlafen gegangen scheint, entscheide ich mich schwer zwischen meinen Geschichten. Zu viele Nachtwanderer durchkreuzen nämlich meine Grazphantasien. Zur Zeit halte ich am Schloss und an einer anderen Geschichte, welche ich "Die Pecharbeiter" nenne, fest, doch male ich mehr mit meinem Stift auf die Seiten, als dass ich schreibe. Zu lang darf und kann ich hier nicht bleiben, sonst komme ich noch als so genannter "Grazer Dichter" zurück, der ich ja ohnedies nie sein kann. Wie sollte ich mir das erklären!
Geh' für mich einmal die Zeltnergasse entlang, im kleinen Geschäft an der Ecke führt Fritz Kronn glasierte Zimtsterne. Verkoste sie und trinke jetzt in diesen Tagen auf unser Wohl.
Auch denke und schreibe ich von hier an die Familie um Doktor Carl Busse, auf Antwort hoffend, nach Berlin Steglitz. Das Mädchen mit dem Namen Christine, und ihr Geschick, ein Buch mit einer Hand zu öffnen, hat mich da beim letzten Besuch herzhaft froh gemacht. Felice, verbleib mir in Erwartung der Wirrnisse unserer baldigen Umarmungen
Franz
Graz, 15. März 1918

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