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Genre: Literatur


writers in residence: Michael Ostrowski
"Houellebecq à Graz - voyage sentimentale" de Michael Ostrowski

Ich traf Michel eines Nachmittags auf einer Promenadenbank sitzend, in tiefes, alkoholisch durchtränktes Schweigen versunken. Zwei leere Flaschen Schilcher lagen unter der Bank, die dritte, halbvolle bot er mir mit einer lässigen Bewegung seines schmalen, französischen Handgelenks an. Eine Zeit lang schien er wie selbstverständlich zwischen Wach- und Schlafzustand zu oszillieren. Seine Kinnlade klappte ab, seine Zungenspitze rutschte zwischen die Zahnreihen und er atmete in langen, regelmäßigen Zügen. Dann öffnete er wieder die Augen, starrte auf den Fluss, schien etwas zu bemerken und genauer untersuchen zu wollen und begann im nächsten Augenblick zittrig zu schnarchen. "Ich danke der Kulturhauptstadt Graz mich anlässlich der feierlichen Eröffnung der Acconci-Toilettanlagen im Sinne George Batailles als Festredner engagiert zu haben." Es war, als hätte er die letzte halbe Stunde damit zugebracht, sich den Satz zurechtzulegen. "Ich bin zwar nicht soweit gegangen, auf dem Pissoir mein Leben zu lassen, denke aber, dass es keinen gegeben hätte, der diese ehrenvolle Aufgabe demütiger ausgeführt hätte, als ich es tat." Er verschwieg dabei, dass er bereits bei seinen ersten Begrüßungsworten betrunken über die zur Gratisschnapsverkostung errichtete Schank gestolpert war und den versammelten Gästen im Liegen eröffnet hatte, dass er nicht die Absicht habe, jetzt zu sprechen, sondern sich einmal für einige Monate in dieser Stadt niederlassen wolle, um zu gegebener Zeit seine Gedanken zur Architektur der Designertoiletten kundzutun. Nach einigen Flaschen alter Apfel, Zirbe und Vogelbeer des Bauerngutes Hopfreiter war er einer engagierten Mitarbeiterin der Kulturhauptstadt 2003 begegnet, die eigentlich im Begriff war in nächster Zukunft mit ihrem Verlobten in den Bund der Ehe einzutreten. "Es war die erste Kunstschnalle, die mir auf einem Designerklo einen geblasen hat. Erwartungsgemäß zwar sehr schlecht aber immerhin mindestens 40 Sekunden lang. Dann kam ich, ohne weiter über die Sinnhaftigkeit von Kulturhauptstädten in Zeiten der globalisierten Kunstvermarktung als sich selbst erhaltendes, sinnentleertes System nachzudenken." Michel fingerte nach seinen Zigaretten, zog eine heraus, ließ sie fallen. Sie rollte ein paar Zentimeter weiter, er bückte sich, griff daneben und gab auf. Ein Lüftchen blies die Benson & Hedges in Richtung der flussaufwärts gelegenen, in den Uferhang eingebauten Designertoilette, dann blieb sie reglos liegen. "Im Grunde mag ich keine Designerklos", murmelte Michel, "da traut man sich nicht so richtig in die Muschel zu scheißen, weil durch die von Umweltschutzfanatikern durchgesetzten Spülwassergrenzmengen die Kacke höchstwahrscheinlich an den zu flachen Chromwänden hängen bleibt. Und dann muss man mit einer hauchdünnen Chromklobürste, die man nur zwischen Daumen und Zeigefinger halten kann, nachputzen. Das alles verdirbt einem natürlich beinahe den Appetit auf das in Sichtweite liegende andere Murufer, das sich touristisch durch einen lächerlichen, einwöchigen 'Kärntnermarkt' am Mariahilferplatz und einen respektablen, ganzjährigen Puffbetrieb zwischen Lend- und Griesplatz auszeichnet."
Michel hob den Kopf und blickte in Richtung Mariahilfer Kirche. "Darüber hinaus gehe ich gerne vormittags über den Mursteg hinüber in diese Kirche, um zu sehen, wie 1,40 Meter kleine, alte Weibchen ihre arthritisgeplagten Gelenke auf den harten Kirchenbänken wundscheuern, bevor ich mir im Mohrenwirt ein Seidl genehmige." Er versuchte sich aufzurichten, sein Oberkörper sackte schlaff zurück. "Es ist schön, alte Menschen zu beobachten, die nichts mit Senioren gemeinsam haben. Die noch nicht von den kapitalistischen Versuchungen des letzten Lebensabschnitts, sondern vom guten alten Katholizismus fertiggemacht werden." Er strich sich eine verschwitzte, vermutlich künstlich eingepflanzte Haarsträhne aus der hohen Stirn und streifte seine Hemdsärmel höher. "Über diese Frauen werden keine Bücher geschrieben, weil sie zu uninteressant sind. Weil sie scheinbar nichts thematisieren, was derzeit in Künstlerkreisen gerne thematisiert wird. Das kotzt mich an. Ich habe den Plan, einen Old-Age Porno zu drehen, in dem zum ersten Mal alle geschlechtsfähigen Altersschichten miteinander Verkehr haben. Warum sollte man einem 15jährigen Jungen die geschlechtliche Weisheit einer 83jährigen vorenthalten?" Er fischte nach einer Benson & Hedges, ließ sie fallen, bückte sich nach ihr, verfehlte sie und trat irrtümlich darauf. Feine Tabakstreifchen hoben vom Pflasterstein ab und schwebten über die Mur. "Natürlich müsste man gewisse stimmungsfördernde Rauschmittel einsetzen, um die altersbedingten Hemmschwellen auszugleichen, aber das erscheint mir im Moment das kleinste Problem." Vermutlich spielte er auf seine gerade vom neuen Gemeinderat auf ein 80stel gekürzte Sonderprojektförderung an, mit der er seinen Film hatte finanzieren wollen.
Michel lebte nun schon seit mehreren Monaten in einem kleinen Häuschen am Schlossberg, das normalerweise Stadtschreibern aus dem ehemaligen Ostblock vorbehalten war. Er hatte dem damals ansässigen rumänischen Lyriker einfach die Schlüssel seines Vierzimmer-Appartements in Paris in die Hand gedrückt, ein Flugticket erster Klasse sowie einen gefälschten Diplomatenpass auf den Namen Mircea André Comanescu Du Rieux und sich im Häuschen eingerichtet. Vier Monate später hatte er eine Ansichtskarte vom Place Pigalle bekommen: "Paris, c'est la vie!" stand darauf in zittrig erregter Handschrift, unterzeichnet von Lulu, Christine, Chou-Chou, Aisha, Florence, Martine oder - es war schwer zu entziffern - Mambou, Coco, Maya, sowie Mircea Du Rieux. "Es scheint ihm das Diplomatenleben gut zu bekommen", sagte Michel zu sich und öffnete eine Flasche weststeirischen Schilcherweins. "Auch ich mag die Arbeit eines Stadtschreibers", murmelte er und füllte weiter den von der Caritas an den Stadtschreiber gesandten Fragebogen über dessen Behandlung durch Behörden und Beamte aus. Bei der abschließenden Frage: "Fühlen sie sich durch ihre Zugehörigkeit zu einer Volksgruppe, die hierzulande stark mit Prostitution und Verbrecherbanden in Verbindung gebracht wird, in ihrem Selbstwertgefühl verletzt?" kreuzte Michel das Kästchen "Ganz und gar nicht" an und zählte seine Punkte: Er war ein Musterausländer, der sich in keiner Weise diskriminiert fühlte, weder durch die Fremdenpolizei noch durch das Einwohnermeldeamt der Stadt Graz. "Der Rassismus ist nur eine Frage der Einstellung", sagte er zur eben aus dem Badezimmer aufgetauchten Ungarin und öffnete seine Hose. Die Ungarin lachte und streckte ihm die Hand hin: "140.-" sagte sie in fast akzentfreiem Deutsch.
Michel starrte aufs stärker gewordene Schaukeln der Murwellen und zog die Brauen hoch. "Ich lebe gern am Schlossberg. Ich brauche diesen 200 Meter Aufstieg vor dem Zubettgehen. Mir gefällt das Gefühl, etwas besteigen zu können, ohne dafür 140 Euro ausgeben zu müssen." Er fischte nach einer Zigarette, ließ sie fallen und blickte ihr nach, als sie der Wind den sanften Uferhang hinunterblies. "Und ich brauche den morgendlichen Blick über die Mur in Richtung der Bordelle und Peepshows. Das Verlangen dorthin zu gelangen, ist wahrscheinlich das letzte Verlangen, das ich in meinem Leben noch spüre." Er beugte sich zu seinen beigen Stutzen, schob den linken hinunter und kratzte sich die Wade. Danach richtete er sich auf, lehnte sich zurück und tat so, als würde er Rauch inhalieren und langsam wieder aus der Lunge blasen. "Ich träume davon, einen Porno zu drehen, in dem eine ganze Stadt sich langsam in ein riesiges Bordell verwandelt. Ausgehend von einem Bezirk schreitet die Prostituierung des Lebens unaufhaltsam voran, alles wird systematisch bordellisiert: Menschen, Tiere, Objekte. Alles wird ganz offiziell käuflich, kann gemietet, geleast oder verschachert werden. Das Leben des Menschen hat nur noch den Sinn als Konsumgut mit allen anderen Konsumgütern zu verschmelzen und eine Harmonie des merkantilen Irrsinns zu bilden. Eine Vision, die - denke ich - eigentlich gar keine utopische, sondern eine den derzeit vorherrschenden Entwicklung nur abgeschaute ist. Die Handlung im Film - ebenso wie im Leben - besteht darin, dass alle versuchen, es von der Nutte zum Zuhälter zu schaffen". Er aschte unsichtbar auf die Kante der Uferpromenadenbank und sah zu, wie die Asche vom heftiger werdenden Wind nicht weggetragen wurde, weil sie nicht da war.
Es war halb sieben, soviel war sicher, eine Kirchturmuhr wusste Bescheid. Beim Kastner&Öhler, Sportartikelabteilung, wurden die letzten Trekking-Räder, Bauchmuskel-Trainer, Gummischnorchel und zusammenklappbaren Strandbadematten verkauft. Ein trauriges, lächerliches Schauspiel, wie jeden Tag eigentlich. Ein knallgelbes Zeppelin-Modell des PT Cruiser von Chrysler segelte aufgeblasen über Graz, heim ins Werk. "Ich mag keine Autos, die aussehen wie Batmobile für kleine Bankangestellte". Michel schloss die Augen und hob den Kopf. Ein Hauch von Pastis hing in der Luft, obwohl es nur Apfelmost war. Einsame Einkäufer trugen zielstrebig ihre Plastiksäcke nach Hause, wagten es nicht auch nur einen Blick auf ihre Beute zu riskieren. Zu gierig verfolgten sie die Augenpaare der von der Bettlerverordnung zu Gehorsamkeit verordneten Bettler. An manchen Armen hingen Kinder, an manchen Lebensabschnittspartner ihrer Wahl.
"Was mich wirklich enttäuscht", sagte Michel und wirkte dabei das erste Mal betrunkener, als er tatsächlich war, "Was mich zutiefst erschüttert, ist, dass in Graz die gleichen Idioten herumlaufen wie in Paris. Nur dass sie statt Yannick und Pierre eben Stefan und Klaus heißen. Es erschüttert und erleichtert mich zur selben Zeit. Ich kann gehen, wohin ich will, die Vertrottelung war schon vor mir da und hat zugeschlagen. Und dennoch!" - er hob den Arm wie zu einer großen Geste, ließ ihn im nächsten Moment aber wie einen Stein auf die Bank knallen. Er stand auf, schnepfte seine Luftzigarette gekonnt ebendorthin und wankte in Richtung des Flusses. "Diese Promenade ist so schmal wie der Horizont ihrer Erbauer, und doch will ich ihre Breite durchschreiten, als sei sie die chinesische Mauer - unüberwindbar für mongolische Horden mit Krummschwertern und Feuergeschoßen, leicht zugänglich für japanische Touristen mit Knickerbockershorts und Bierfahnen..."
Michel verstummte, er schien im Stehen eingeschlafen zu sein. Ich stand ebenfalls auf und blickte mich um. Ein ca. 50jähriges deutsches Ehepaar stand mit seiner dreijährigen Tochter an der Böschung, die Frau hielt das Kind fest, der Mann - eckige Goldrandbrille, getrimmter Scheitel - sprach sehr, sehr ruhig. "Da würden wir halt alle Staus umgehen, und ich bin ja auch nich so 'n Freund von halbangefangnen Urlaubstagen, aber bevor wir da irgend so ne Diskussion in Rätseln führen und uns missverstehen, isses doch besser, 'n wenig zu warten und das alles" - er blickte scharf aufs Kind - "nachher durchzureden." - "Wann nachher?" fragte sein Frau. "Ja, wenn die Kleine dann mal niedergelegt ist." Deutlich und gefasst. Es war klar, dass der Mann irgendwann in den nächsten Stunden oder auch Jahren völlig durchknallen und sich vermutlich mit seinem Mercedes SLK in den wohlverdienten Ruhestand befördern würde. "Is doch besser als so ne Diskussion in Rätseln zu führen, oder?!" - "Dann packen wir eben zusamm' ", sagte die Frau und hob eine Tasche mit Spielsachen auf. "Ich muss das jetzt auch nich entscheiden", sagte der Mann. Seine Mundwinkel zuckten und er sah vor seinem geistigen Auge schon das Hermsdorfer Kreuz und seine mannigfaltigen Autobahnabschnittsmöglichkeiten, die er selbst für sich und seinen Freitod bestimmen konnte.
"Ich bin froh", sagte Michel, ohne seine Augen zu öffnen, "dass mein Vater keine Goldkette mit Christuskreuz um den Hals trug. Ich hätte den Anblick sicher nicht ertragen. Ein erwachsener Mensch, der seiner Unfähigkeit dem Diesseits auf probate Weise zu Leibe zu rücken durch ein derart lächerliches Emblem der Erniedrigung Ausdruck verliehen hätte, wäre mir unerträglich gewesen. Ich hätte jeden Tag geweint, wenn ich ihm am Tisch gegenüber gesessen wäre. Mit seiner Franzosenfrisur, seinem Glas Rotwein mit Cassis, diesen Insignien der Nation, die ihm ständig in den Kleinbürgerarsch getreten ist. Eigentlich war er gar nicht mein Vater. Ich habe es mir nur vorgestellt. Es war vermutlich Jean Gabin in einer seiner Rollen der mittleren Schaffensperiode, die bei ihm so ca. 48 Jahre gedauert hat. Meinen Vater habe ich ja nie wirklich gekannt." Er hob seinen Kopf und sah mich zum ersten Mal an diesem Nachmittag an. "Gehen Sie mit auf die Toilette? Ich fürchte, ich finde allein nicht mehr hin."
Wir gingen langsam, er schob einen Fuß vor den anderen, so als hätte er 30-Kilo Patschen an. Er schien zu seinem eigenen Großvater geworden zu sein, der in der Auvergne von seinem Haus in den Weinkeller schlurft, um dort Nachschub zu holen. "Sie werden lachen", raunte er, "aber ich fühle mich ein wenig wie mein Großvater aus der Auvergne, der von seinem Haus in den Weinkeller schlurft, um dort die Nachbarsmagd zu vögeln." Er runzelte die Stirn und stieß die Türe auf. "Glauben Sie, wir könnten hier Glück haben? Ich fühle mich tatsächlich ein wenig nach Orgie..." Wir betraten die Toilette, gleißendes Designerlicht warf unsere armseligen Körper an überdimensionierte Spiegel, die uns unbarmherzig zeigten, was wir in den letzten Stunden versucht hatten zu vergessen: Wir waren betrunken, depressiv und auf Abenteuer aus, die uns dieses Leben nie würde bieten können. Mit einem Wort: Unsere Chancen standen denkbar schlecht, und die Toilette hatte uns zu allem Überfluss auch noch am falschen Fuß erwischt. Michel griff sich an die Stirn, stolperte, sah sich verwirrt um, versuchte sich in Richtung eines Pissoirs zu orientieren. Er torkelte vom rinnenden Spülwasser angelockt auf das in der Mauer eingelassene Urinal zu, schwenkte im letzten Moment ab und stieß eine Kabinentüre auf. Ich wollte ihm folgen, konnte meine eigenen Spiegelbilder allerdings nicht länger ertragen und schloss die Augen. Im nächsten Augenblick glaubte ich, den Aufprall zweier Knie am harten Fliesenboden zu vernehmen, wagte jedoch nicht, mich vom Fleck zu rühren, da ich nichts sah. Völlig ansatzlos überkam mich panische Angst, die Vorahnung einer Katastrophe, die nur durch meine absolute Passivität abwendbar schien. Es erinnerte mich stark an jene alkoholisch euphorisierten Jugendmomente mitten auf der Tanzfläche, in denen das um einige Jahre ältere und demnach so gut wie unerreichbare, Haut an Haut tanzende Mädchen bereits angesprochen war und man nur darauf wartete von ihrem festen Freund, den man mit Sicherheit nicht bemerkt hatte, weil er einen zu perfekten Körper hatte, erschlagen zu werden. Alles schien in der Schwebe, möglich und unausweichlich. Vollkommene Dunkelheit umschloss uns, die Zeit schien eingefroren und beruhigend irrelevant. Ich war wach und schien doch zu schlafen, da mir Stimmen und Geräusche wie aus einem Traum ins Ohr drangen. Sie schwollen an, bis ich nur noch sie um mich herum wahrnehmen konnte. Für Momente zogen sie mir den Boden unter den Füßen weg und ich schwang mich auf in schwer fassbare phantastische Höhen. Mein Gehirn suggerierte mir Bilder der Freude und Ausgelassenheit. Die Welt schien sich mir aufzutun, darzubieten und mich einzuladen zuzugreifen, wann immer sich mir die Gelegenheit bot. In Sekundenschnelle durchstreifte ich Kontinente, befühlte Länder wie Landkarten und wickelte sie mir in behänder Leichtigkeit um den Bauch. Ich bildete mir sogar für Momente ein, durch Westafrika zu fliegen, dicke Dschemben zu schlagen und einen hautähnlichen Teig solange genussvoll zu kneten, bis ich einen hüpfenden Nabel an dem meinen reiben fühlte.
Als das Glück in einer Weise Überhand nahm, dass ich es nicht länger im Reich des Ungewissen belassen wollte, beschloss ich, mich auf allen Vieren den Geräuschen zu nähern. Nachdem ich meine Wange eine Weile lang an der rinnenden Pissoirwand plattgedrückt hatte, entschied ich mich die Augen zu öffnen, da ich eindeutig die Orientierung verloren hatte. Im nächsten Moment hatte ich den Eindruck, meinen Entschluss noch nicht durchgeführt zu haben, da es finster blieb. Ich stieß mit meiner Nase an etwas Hartes. Da ich beide Hände zum Robben brauchte, befühlte ich das Objekt mit meinen Lippen, die unter regulären Umständen sehr genau erkennen können, wer oder was sich zwischen ihnen befindet. Doch bevor meine tertiären Geschlechtsorgane meinem Gehirn die nötigen Informationen übermitteln konnten, zuckte das Licht wieder auf und es wurde tagartig hell. Ich blickte instinktiv nach rechts und sah eine Gestalt in einem schwarzen Ledermantel aus einer WC-Kabine treten und in schnellen Schritten die Toilettanlagen verlassen. Mir war, als hätte der Mann seinen Aktenkoffer gerade noch zugeklappt, bevor er hinaus in die Dunkelheit verschwand. Ich drehte mich zurück und sah zuerst auf die Gummisohle, die ich bis vor kurzem noch zwischen meinen Lippen gewärmt hatte, dann auf den dazugehörigen Schuhträger Michel, der an die Pissoirwand gelehnt dasaß und mit den WC-Steinen spielte. "Wir waren knapp dran", sagte er nach einer Weile, "wir waren sehr knapp dran". Ich blickte in die Kabine. Die Chromklobürste lag auf dem Fliesenbogen, aseptisch und adrett. Ich konnte keine sichtbaren Spuren erkennen, und doch erahnte ich die Tragweite der Szenen, die sich rund um dieses Chrombecken abgespielt haben mussten. Ich hatte nur ihre Ausläufer gespürt, im Auge des Sturmes war ein anderer gestanden. "Aishas Strumpfbänder hatte ich schon zwischen den Zähnen und ihre Oberschenkel hielt ich umklammert, aber Du Rieux ist mir auf den Handwurzelknochen getreten." Er kühlte sich die gerötete Stelle mit Klosteinen. "Mircea Du Rieux - der Diplomat?!" fragte ich nach. "Er war hier?"
Michel zog sich langsam die glitschige Wand hoch. "Die Antwort auf diese Frage ergibt sich aus dem Grad der Öffnung, den man bereit ist dem Möglichen entgegenzubringen. Wenn ich nicht alles gleich erklären kann, heißt es ja nicht, dass es nicht geschehen ist." Er lehnte mit dem Rücken an der Wand und atmete ruhig. "Eine Reise ist ja auch nichts anderes als der Versuch, seine Existenz in einem Paralleluniversum zu erweitern. Ob ich dann wirklich hinfahre oder das parallele Leben zu mir kommen lasse, ist schlussendlich egal. Wichtig ist dabei ja nur, dass man sich selbst endlich aufgibt. Ein Mensch ist kein Individuum und hat keinen singulären Platz und daher auch keinen einzigartigen Standpunkt in dieser Welt. Das sollten wir doch langsam erkennen." Er drehte die Augen über und schien endgültig abzudriften. Ich versuchte die Promillezahl in seinem Blut zu schätzen, er fuhr unbeirrt fort. "Nur durch zwei komplementäre Standpunkte, die gleichzeitig eingenommen werden, kann eine einigermaßen korrekte Darstellung unseres Daseins erzielt werden". Er schimmerte jetzt, seine Haut schien transparent und ich glaubte, das Blut in seinem Körper fließen zu sehen. "Welle und gleichzeitig Teilchen. Position und Geschwindigkeit. Wir sind mittendrin und versuchen uns festzulegen." Er versuchte sich an der angelehnten Kabinentür entlang zu hanteln, sie gab nach und er griff ins Leere. "Aber dieser Versuch ist natürlich zum Scheitern verurteilt. Wir müssen uns nicht festlegen, nur weil es logischer erscheint, es zu tun. Allein die poetische Imagination, die zügellose Phantasie bricht die Kette des Kausalen. Sie schafft einen seltsamen, unbegrenzten, emotionalen Sinn. Den einzig brauchbaren also." Seine Stirn glänzte, aber es schien ein Glanz zu sein, der aus dem Inneren des Kopfes nach außen drang, als sähe man die Abgase des arbeitenden Gehirns an die Oberfläche strömen und dann in seiner Aura verdampfen. "Aisha und Lulu hätte ich bewegen können zu bleiben. Florence und Chou Chou wollten zurück, Florence, Coco, Christine und Maya schienen indifferent." - "Was hatte er im Koffer? Und wo sind sie jetzt?" Michel streichelte zärtlich über die Borsten der Klobürste. "Sie hieß übrigens Mambou, ich hatte ihren Namen auf der Karte nicht richtig entziffern können, Mambou, eine ganz weiche senegalesische Mama. In ihren Bauchfalten konnte man Brot backen. Ihre Schamlippen flatterten wie die Ohren des afrikanischen Elefanten und ihr Kitzler blies sich auf wie ein kleiner Rüssel". Verträumt stellte er den Bemsel zurück in seine dafür vorgesehene, stilvolle Chromaufhängung. "Ich denke, er hat sie alle eingepackt." - "In seinen Diplomatenkoffer?" Meine Stimme klang rau, mein Hals war trocken und meine Augen brannten wie bengalische Feuer. Michel schwankte in Richtung des Ausgangs. "Wenn man lustvolle Abenteuer und sexuelle Gefahr sucht, muss man sich bewusst sein, dass sie tatsächlich eintreten und alles zerstören können. Und wenn sie dann wieder gehen, bleibt eine ungeahnte Leere zurück. Das gleiche Leben, auf dem man sitzen geblieben ist und das nun noch öder scheint und unerträglich stumpf. Es ist gut, dass Sie vorhin nur an der Peripherie standen - allein Mambou hätte sie erledigen können." Er tänzelte einen leichtfüßigen Schritt und stieß die Türe mit dem Bauch auf. "Ganz zu schweigen von Aisha und ihrem rubinbesetzten, hüpfenden Nabel."
Wir traten hinaus in die inzwischen über uns hereingebrochene Nacht. "Die feine, saubere Atmosphäre der Designertoilette soll uns darüber hinwegtäuschen, dass zu jeder Tages- und Nachtzeit geschissen und gepisst wird, dass wir umgeben sind von Bakterien, Pilzen und Viren, die unseren Organismus herausfordern, ihn angreifen und auch zerstören wollen. Deshalb erfinden wir uns ein Leben, das die Asepsis als Apotheose der Existenz propagiert. Auch der Konsum ist letztendlich ein Auslöschungsprozess all der Herausforderungen und Sehnsüchte, die uns das Leben zur Hölle machen würden, wenn wir sie nicht in einer Flut von teuer Erworbenem ersticken würden. Und dennoch träumen wir unter dieser aseptischen Hülle von Ausschweifung und Verfall, von einem Leben unter anderen Vorzeichen, von Ländern, wo alle unsere Regeln nichts wert sind. Wir verstecken diese Träume dann unter einer Batterie von Alltagserledigungen und wundern uns, dass wir immer intensiver an Selbstauslöschung und Freitod denken. Aber wir werden uns daran gewöhnen müssen, diese Designerscheiße zu fressen, die wir so gerne hinunterspülen. Wir werden lernen müssen, komplementäre Standpunkte einzunehmen und daran nicht zugrunde zu gehen." Er wirkte nun melancholisch lustig, wackelte mit seinen französischen Ohren. "Ich habe meine Rede gehalten", flüsterte er. "Ich werde noch ein paar Jahre hier bleiben und mich dann von innen her auflösen."
Wir standen Schulter an Schulter und beobachteten das aufgeklärte Murwasser beim Rauschen. Am Uferrand verkaufte Mircea Du Rieux einer überaus großen Anzahl von Schwarzafrikanern eine überaus große Menge an illegalen Rauschmitteln. Ein Mercedes SLK mit deutschem Kennzeichen durchbrach die Brüstung und segelte in hohem Bogen über die Murbrücke in den Fluss. Eine Kinderhand durchs Hinterfenster. Hier in Graz, der Drogenhauptstadt Europas, Amerikas, ja der ganzen Welt.

Ein Projekt von Graz 2003- Kulturhauptstadt Europas und der edition schreibkraft










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