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Genre: Literatur


writers in residence: Günter Eichberger
Das Dunkel und die Mur - Beckett in Graz

Als Samuel Beckett sich 1946 in Graz niederließ, war er vierzig Jahre alt. In den vorherigen fünfzehn Lebensjahren, dem Zeitraum also, in dem die meisten Menschen sich in ihrem Beruf etablieren, machte Beckett eine Phase gebremster Entwicklung durch. Er war von Dublin nach Paris gegangen, um Anschluß an die damalige Avantgarde zu finden, brachte es aber nur zum Laufburschen für Joyce. Sein erster Roman "Murphy" war von 42 Verlagen abgelehnt worden und hatte schließlich nach seinem Erscheinen 95 Käufer gefunden.
Es ist müßig, darüber zu spekulieren, was für eine Art Schriftsteller Beckett wohl geworden wäre, hätte er Frankreich nicht mehr verlassen. Da er mit seiner Schriftstellerei so gut wie nichts verdiente, war er nach wie vor auf die Zuwendungen seiner Mutter angewiesen. Seine Frau Suzanne schneiderte Kinderkleider, die niemand tragen wollte. Warum es das Paar nach Österreich verschlagen hat, ist ungeklärt. Beckett selbst hat sich dazu nie geäußert.
Die ersten Nachkriegsjahre verbrachte Beckett damit, sich gründlich auszuschlafen. Und dafür war Graz wohl die denkbar glücklichste Wahl. Nach dieser ausgedehnten Ruhephase begann eine Zeit alkoholischer Exzesse. Beckett trieb sich in übel beleumundeten Spelunken zwischen Bahnhofsviertel und Griesplatz herum, verirrte sich aber auch immer wieder zu Damenkränzchen und Erstkommunionsfeiern; im Nebel unedler heimischer Obstbrände kam es zu beliebigen sexuellen Kontakten mit Damen der Gesellschaft, frühreifen Chorknaben und wehrlosen Hydranten. Und weshalb diese untauglichen Betäubungsversuche? Weil er es leid war, daß ihm der Briefträger beinahe täglich ein freundlich ablehnendes Schreiben eines Verlages aushändigte. Sein Roman "Watt" würde wohl nie das Licht der Öffentlichkeit erblicken dürfen.
Um die innere Spannung zu lindern, nahm er die alte Gewohnheit wieder auf, rastlos zu wandern. Bei einem dieser nächtlichen Märsche fiel er in die Mur. Zuerst versuchte er, in aller Stille unterzugehen. Doch immer wieder trieb es ihn an die Wasseroberfläche, als wollte der Fluß ihn nicht behalten. Das Untergehen ist ein beschwerliches Geschäft. Verdrossen rettete er sich ans Ufer. Plötzlich stiegen Bilder vor ihm auf, die in den nächsten Jahren seiner literarischen Arbeit eine gänzlich andere Richtung geben sollten.
Er sah zerlumpte Gestalten, die an Steinen lutschten und in Mülltonnen hausten. Namenlose, endlos dahinsiechende Krüppel, die nur noch Speichel und Wehlaute absonderten. Ihn schauderte. Nein, diese dunkle Seite seiner Persönlichkeit wollte er nicht länger besichtigen. Heitere Zuversicht sollten seine Texte in Zukunft verströmen. Märchen und Kinderverse wollte er mit leichter Hand aufs Papier streuen, die poetischen Entsprechungen zu Brausepulver und Zuckerwerk, eine leicht faßliche Botschaft der unbekümmerten Daseinsfreude und kleinkindlichen Geborgenheit. Dann kam ein Ordnungshüter vorbei, nahm sich des fröstelnden Verwirrten an und überstellte ihn in die Puntigamer Heilanstalt.
In der Klinik begann Beckett alsbald mit seiner neuen Produktion. Er schrieb den Abenteuerroman "Merci und Kammgarn", die entzückende Geschichte eines unzertrennlichen Freundespaars, das während einer erfrischenden Fußwanderung nichts als Glück hat. Zuletzt werden sie auch noch steinreich, weil sie einem verkleideten Ölmagnaten über die Straße geholfen haben, aber sie verschenken das Vermögen an die SOS-Kinderdörfer und ziehen singend und jodelnd weiter. Das Manuskript begründete Becketts Ruf als "Karl May für Sonntagskinder und Sonderschulabgänger". Durch Vermittlung Paul Anton Kellers, der seinen irischen Freund selbstlos förderte, fand Beckett im Grazer Stocker Verlag die ersehnte Heimat. Wie in Trance schrieb Beckett Jugendbuch um Jugendbuch, jedes ein internationaler Erfolg. Nur sein Märchenspiel "Warten auf Bodo" stieß auf einhellige Ablehnung.
Auch privat wandte sich alles zum Besseren. Seine Frau Suzanne ließ sich scheiden, und so konnte Beckett sich ganz seinem Freund und Mentor Paul Anton Keller zuwenden. Ihre in Homosexuellenkreisen als vorbildlich geltende Lebensgemeinschaft hielt bis zu Kellers Tod. Später hing Beckett sein Herz an einen Dackel.
In seinen Memoiren "Der erste Hund" schrieb Beckett: "Spirituell ein Jahr tiefer Schwermut und Not bis zu jener denkwürdigen Nacht in der Mur, ich werde es nie vergessen, als mir plötzlich alles klar wurde. Der Wendepunkt endlich. Das Dunkel abzuwehren, um zum Licht zu gelangen. All das verdanke ich Graz und den belebenden Fluten der Mur. Nicht auszudenken, was ohne diese Stadt und Paul Anton aus mir geworden wäre..."

Ein Projekt von Graz 2003 - Kulturhauptstadt Europas und der edition schreibkraft.






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