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Genre: Literatur


writers in residence: Gabriel Loidolt
An einem jener Tage - Gabriel Garcia Marquez

Samstags gönnte ich mir einen Besuch im besten Café meiner Stadt. Obwohl die Kondensstreifen der Bomber schon lange nur mehr Erinnerung waren, gab es noch Wunden, die nicht verheilen wollten. In den grauen Straßen waren die Bettler Kriegsversehrte, die an der Drehorgel kurbelten, Blindenlose verkauften oder ihre Dienste als Schuhputzer anboten. Die besten Kunden in den Geschäften und Lokalen waren Engländer in schmucker Uniform, die mit Chesterfields und Nylonstrümpfen auf Safari gingen und den Flair des Britischen Empires verströmten. Die Hoffnung war eine Frage des Glaubens, die Liebe eine der Verhandlung, für alle, die etwas zu tauschen hatten. Ich hatte nichts zu tauschen. Ich war ein junger Mann, dessen Besitztümer in zwei Pappkoffer gepaßt hätten. Meinen Lebensunterhalt verdiente ich als Hilfsredakteur einer Zeitung, die wenig zahlte. Das aber pünktlich.

An einem jener Tage suchte ich wieder mein Café auf. Gäste, die sich nicht viel leisten konnten, nahmen mit Vorliebe an der Theke Platz, wo eine riesige, chromblitzende Espressomaschine italienischer Herkunft stand. Dort hockten sie in ihrem schönsten Anzug, zündeten sich alle halbe Stunde eine Zigarette an und versuchten, sich mit dem schwarz-weiß gekleideten Kellner anzufreunden. Ich nahm immer dort Platz.
Diesmal kannte ich meinen Nachbarn nicht einmal vom Sehen. Ein kleiner Mann mit großem Wuschelkopf und Schnauzbart, zweifellos ein Südländer unbestimmbarer Nationalität, der nach der Endlösung des von der göttlichen Vorsehung bestimmten Führers wohl eine so exotische Erscheinung war, dass sich niemand neben ihn gesetzt hatte. Hier hatte man so viel Scham, sich Peinlichkeiten zu ersparen.
"Verzeihung, Seor. Könnten Sie mir bitte Feuer geben?" sagte er nach einer Weile.
"Sie haben doch keine Zigarette, mein Herr," sagte ich.
Der Mann sah mich verwundert an. Dann seine beiden Finger, die er an seine Lippen geführt hatte.
"Dann habe ich wohl geträumt. Ich hoffe, wenigstens mein Kaffee ist echt."
Während der Mann in unschuldiger Zuversicht das Aufkochen des Kaffes erwartete, hielt ich ihm meine halbe Packung Chesterfield hin. Er begann dankbar zu erzählen: Er komme aus Frankreich, von wo er geflohen sei, weil er die Miete für sein Pariser Hotel nicht mehr habe zahlen können, und warte auf die seit einem Jahr ausstehenden Honorare seiner kolumbianischen Zeitung, die ihre Pforten auf Druck des Generals Rojas Pinilla habe schließen müssen.
"Das kann lange dauern," sagte ich schließlich.
"Wer lange wartet, wartet auch kurz, Seor"
"Wovon werden Sie bis dahin leben?"
"Vom Brot der Hoffnung."
"Das ist eine Währung, die bei uns nicht mehr konvertibel ist. Die Besatzungsmächte ziehen bald ab, heißt es."
"Um so schlechter für euch," sagte der Mann.
Danach schwiegen wir uns bis zum Morgengrauen an.

Jahre später, ich lebte in Madrid, spazierte ich durch ein kleine Straße, wo mich ein Photo in der Auslage eines Buchhändlers halten ließ. Ein Mann mit Wuschelkopf und Schnauzbart lächelte mich an, als wäre er kein Jahr gealtert. Ich ging in den Laden und griff mir das Buch. Es war lange von Verlag zu Verlag geschickt worden, wie mir seufzend erzählte wurde. Ohne Erfolg. Auch jetzt sei es ein Ladenhüter, obwohl eine wunderbare Geschichte.
"Kennen Sie diesen Mann, Seor?"
"In meiner Heimat hat noch nie jemand etwas von ihm gehört," sagte ich, bevor ich hinzusetzte: "Auch bei uns geschehen immer wieder Wunder. Man weigert sich nur beharrlich, sie zu sehen. Verstehen Sie?"
"Verzeihung, ich bin nur ein kleiner Buchhändler."
Es war ein schmaler Band, dessen Seiten man noch mit dem Messer aufschneiden mußte. Auf dem Umschlag stand klein ein Name und groß der Titel:El coronel no tiene quien le escriba.
Es sollte zu meinem Schicksal werden.

Ein Projekt von Graz 2003 - Kulturhauptstadt Europas und der edition schreibkraft.










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