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Genre: Literatur


writers in residence: Werner Schandor
Musils Metamorphemat

In den 1960ern und 70ern feierten Autoren aus Graz durchschlagende Erfolge im deutschen Literaturbetrieb. Die wahren Hintergründe dazu lagen bislang im Verborgenen, doch vor wenigen Monaten wurde bei einem Umbau im Keller des Forum Stadtpark jene Apparatur entdeckt, die hauptverantwortlich für den Siegeszug der Grazer Literatur zeichnete: Der Metamorphemat, eine Erfindung des Schriftstellers und Physikers Robert Musil, dem 1908 eine Assistentenstelle an der damaligen technischen Hochschule in Graz (jetzt Technische Universität Graz) angeboten worden war.
"Es sieht aus, als hätte mein natürlicher Werdegang so aussehen müssen: Annahme der Dozentur in Graz. Geduldiges Tragen der langweiligen Assistententätigkeit. Geistiges Miterleben der Wendungen in der Psychologie und Philosophie. Dann, nach Sättigung, ein natürlicher Abfall und Versuch, zur Literatur überzugehen", hielt Robert Musil in seinem Tagebuch fest. Wie man aus seiner Biographie weiß, hat Musil diese Stelle nicht angenommen. Sein "geduldiges Tragen der langweiligen Assistententätigkeit" in der Murstadt war bloß eine Zuckung seines sprichwörtlichen Möglichkeitssinns. Was allerdings nicht bekannt ist: Robert Musil hat bei seinem Vorstellungsgespräch an der Grazer Technischen Hochschule dem Professorenkollegium eine von ihm entwickelte revolutionäre Maschine präsentiert, die eine Zeit lang in Graz bleiben sollte, um vom Kollegium auf ihre Konstruktion hin untersucht zu werden: Den Metamorphematen.
Musils Apparatur nutzte die damals noch junge Schallkonservierungstechnik und ermöglichte es, Sprache an allen möglichen Plätzen zu sammeln und aufzu-zeichnen. Aber nicht nur das. Im Anschluss wurden diese Aufzeichnungen in der Maschine in ihre Morpheme zerlegt - daher die Bezeichnung Metamorphemat -, durch einen Ironiekompressor gedrückt, über mehrere Lingua-Ventile verteilt und schließlich im Prosa-Ionisator in druckfähige Literatur verwandelt. Diese Art des Sprachsamplings war für damalige Zeiten sensationell, doch Musil selbst war von seiner Erfindung herb enttäuscht, weil sie in der Gattung, die er für die Königsdisziplin der Literatur hielt - der Essayismus - hemmungslos versagte. Dies dürfte der Grund gewesen sein, warum der Dichter-Ingenieur nach Verstreichen der vereinbarten Frist darauf verzichtet hatte, seine Literaturmaschine wieder an sich zu nehmen. Der Metamorphemat blieb in Graz, wo er jahrelang ungenutzt verstaubte. Nach dem 1. Weltkrieg aber tauchte das Gerät überraschenderweise in Zürich auf. Man vermutet, dass in den harten Jahren nach dem Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie ein hungernder Grazer Technik-Assistent die Baupläne von Musils Apparatur an die ETH Zürich verkauft hat. Denn der Metamorphemat wurde im Cafe Voltaire in Zürich dem staunen-den Publikum als eine von der Eidgenössisch Technischen Hochschule konstruierte Wunderapparatur zur vollmechanischen Erzeugung von Literatur vorgeführt, einer "Dadaismus" genannten Literatur, die zwar wohlklingende, aber sinnlose Laute hervorbrachte. Die verblüffende Wirkung war so groß, dass einige Dichter daran gingen, in Anlehnung an die Produktion des Apparates ebenfalls "sinnlose" Verse zu schreiben und zu präsentieren. Dabei produzierte Musils Maschine lediglich so viel oder so wenig "Sinn" wie in den Worten lag, mit denen man sie speiste. 1930 entdeckte auch James Joyce die Maschine, die im Technischen Museum ausgestellt war. Der berühmte Dichter erhielt die Erlaubnis, die Apparatur privat zu nutzen. Es war kurz nach seiner Augenoperation bei Professor Vogt, als Joyce den Metamorphematen einsetzte, um wesentliche Passagen von "Finnegans Wake" automatisch verfertigen zu lassen. Joyce lag in seinem abgedunkelten Zimmer auf dem Ottomanen und diktierte Erinnerungen an Dublin in die Maschine. Das Ergebnis - der Text "Anna Livia Plurabelle" - war sprachlich gewaltig, und der Umstand, dass er, der sich für den größten Dichter seiner Zeit hielt, in seiner Dichtkunst von einem Kasten aus Blech und Röhren in den Schatten gestellt wurde, deprimierte Joyce so sehr, dass er sein Werk in den folgenden Jahren nur in größter Verzweiflung beenden konnte und nach "Finnegans Wake" keine einzige Zeile mehr schrieb. Vor Wut und Enttäuschung kippte Joyce außerdem eine Flasche besten Bordeaux’ in die Apparatur. Es kam zum Kurzschluss und damit zum Ende des Schweizer Nachbaus von Musils Maschine. Der Schaden war irreparabel.
Das Grazer Modell des Metamorphematen - Musils Original -, war in der Steiermark geblieben. Es wurde in der Zwischenkriegszeit von illegalen Nationalsozialisten entdeckt und für ihre Zwecke missbraucht. Mit Wortmaterial aus Ottokar Kernstock-Gedichten, Landser-Romanen und "Mein Kampf" gefüttert, fungierte der Metamorphemat im Februar 1938 in Graz als Sprach-Flak. Aus dem Metamorphematen stammende wirre Propagandaparolen wurden vom Schlossberg aus mit Schalltrichtern über das ganze Stadtgebiet verbreitet. Es kam zur sogenannten "Volkserhebung", einer Demonstration der illegalen Nazis. Zugleich hatte man damit das Zerstörungspotential des Metamorphematen erschlossen. Nach dem Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland begann man daher in Dobl, in der Nähe von Graz, mit dem Bau einer Radiosendeanlage, die die Waffe des Maschinenwortes großflächig zum Einsatz bringen sollte. Vor Kriegsende wurde der Metamorphemat von den Nazis im Grazer Schlossberg in einem geheimen Stollen versteckt, wo er bis Mitte der 50er Jahre unentdeckt blieb. In der steirischen Dichtung herrschten dieser Zeit Sprachkompositionen aus soliden, handgeschnitzten Metaphern vor, mit denen man den ausgebluteten Boden betrauerte.
Erst in den späten 50ern kam Musils Wortmaschine erneut zum Einsatz, und zwar in den geheimen Kellerlaboratorien des damals noch jungen Forum Stadtpark. Man wusste, dass der Apparat nicht ungefährlich zu bedienen war. Daher entschloss man sich, die Wirkung fürs Erste an einem versnobt erscheinenden, milchgesichtigen Kärntner Jus-Studenten auszuprobieren, der gerne eine Beatband gegründet hätte, aber vollkommen unmusikalisch war, und daher meinte, er müsse als Dichter firmieren. Man bestückte den Metamorphematen mit den gesammelten Werken Adalbert Stifters, die Forum-Präsident Alfred Kolleritsch in nächtelangen Sitzungen lispelnd in ein Mikrophon sprach, fügte verschiedene Codices des römischen Rechts, Geschäftsordnungen von mittelständischen Unternehmen, das essayistische Werk von Fritz Mauthner sowie ausgewählte landwirtschaftliche Mitteilungen des slowenischen Bauernbundes bei und drückte dem Studenten alle 14 Manuskripte in die Hand, die der Metamorphemat in eineinhalb Tagen bleistiftgeschrieben produziert hatte. Der Erfolg war durchschlagend. Peter Handke wurde quasi über Nacht zum Star und konnte jahrelang Werke vorweisen, die an Abwechslungsreichtum kaum zu überbieten waren. Sie ließen ihn endgültig in andere Sphären abheben. Selbst als Handke der Vorrat an innovativen Metamorphemat-Dichtungen ausging, trug ihn der Ruhm dieser frühen Werke noch weiter, und Handke kann bis heute seine nunmehr selbsterzeugten, aus Aberglaube nach wie vor mit Bleistift verfassten Tagebuchnotizen in die Bestsellerlisten bringen.
Nach diesem überwältigenden Auftakt stellten sich viele Dichter des Forum Stadtpark bei Alfred Kolleritsch an, um ebenfalls in den Genuss des Dichtungsapparates zu gelangen. Und es funktionierte! Wolfi Bauer bestückte den Apparat mit Dramen Ionescos, Auszügen aus Jerry-Kotton-Romanen und dem schmalen Oeuvre des in Graz stadtbekannten Dichtertrinkers Herwig von Kreuzbruck, und der Metamorphemat lieferte ihm in nur drei Stunden die fertige Fassungen von "Magic Afternoon", "Change" und "Party for six", über die Wolfi Bauer nur mehr seinen Namen zu schreiben brauchte. Barbara Frischmuth stellte sich mit Feensagen, Paula Groggers "Grimmingtor" in der türkischen Übersetzung, den Stundengebeten der Hildegard von Bingen sowie Artikeln aus gängigen Frauenzeitschriften an, und heraus kam ihr erster Romanerfolg, "Die Klosterschule". Alfred Kolleritsch, bis dahin Verfasser streng naturalistische Gedichte, die nie ein Mensch zu Gesicht bekam, fütterte den Metamorphematen mit selbstgeschriebenen Versen. Das Ergebnis was überwältigend: Auf den Kopf gestellte Kolleritsch-Gedichte, die nie ein Mensch zu Gesicht bekam, weil sie den Autor selbst in tiefe Rätsel stürzten.
Die Autoren des Forum Stadtpark entschlossen sich, die fabelhafte Wirkung dieser Apparatur geheim zu halten und stattdessen den Mythos vom "Grazer Genieeck", der sich in der Hamburger Gegend zu entspinnen begann, voll und ganz zu unterstützen. Sie taten das unter anderem, indem sie mit ausgewählten deutschen Feuilletonisten ausgedehnte Sauftouren in die Südsteiermark unternahmen, wo die Journalisten mit Schilcherwein an den Rand des Komas gebracht und ihnen in diesem geschwächten Zustand allerhand aus dem 19. Jahrhundert überlieferte Anschauungen zum Thema Literatur, Elite und Genie ins Vorbewusstsein eingeimpft wurden, was die Opfer dann auch prompt wortgetreu in ihren Feuilletons wiedergaben.
Schnell produzierte man noch einige herausragende literarische Werke mit Hilfe des Metamorphematen, die man vorab in der Zeitschrift "manuskripte" abdruckte. Zum Beispiel ergaben Zusammenspielungen von Büchern Raymond Chandlers mit den Kindheitserinnerungen von Peter Rosegger und dem steirischen Jagdbrevier Romane wie "Der stille Ozean" oder "Landläufiger Tod", mit denen ein bis dahin unbekannter Grazer Lochkarten-program-mierer namens Gerhard Roth als Autor reüssierte. Oder man kombinierte Bauern-sprüche aus dem Hundertjährigen Kalender mit dem Wirtshaus-tratsch des Stainzer Gasthofs "Marhof", und heraus kam das Buch "Das Leben des Hödlmoser", das Forum Stadtpark-Mitglied Reinhard P. Gruber für sich reklamierte und mit dem er seit 30 Jahren erfolgreich auf Lesetour in der Steiermark ist.
Als man in Graz merkte, dass sich der Markt allmählich sättigte und dass schön langsam auch die Hamburger Journalisten argwöhnisch wurden, wie es denn ginge, dass aus dieser Randzone des deutschen Geistes fernab von jeglicher hoch-kultureller Befruchtung Literatur entstehen konnte, die im Bildungsmief der 60er und 70er geradezu so befreiend wirkte wie einstmals Dada oder Joyce, entschloss man sich im Forum Stadtpark, den Gebrauch des Metamorphematen wieder einzustellen. Der jüngeren Generation des Hauses wurde die Apparatur vorenthalten, und so blieb Autoren wie Walter Grond, Lucas Cejpek oder Günter Eichberger nichts anderes übrig, als jene programmatische Dichtung, die Musils Konstruktion vollautomatisiert erzeugen konnte, im mühsamen vorindustriellen Kopf-Hand-Verfahren hervorzubringen. Es verwundert wohl nicht, dass diesen Autoren nicht mehr die öffentliche Aufmerksamkeit zuteil wurde, wie sie vor ihnen - wenn auch nur kurz - ein Klaus Hoffer, Helmut Eisendle oder Bernhard Hüttenegger noch auf sich zogen, denn jene konnten zumindest noch über ein paar Manuskriptseiten aus der Musilschen Apparatur verfügen.
Bei der Renovierung des Forum Stadtpark in den 80ern wurde der Metamorphemat schließlich in einem toten Winkel eingemauert, wo er erst wieder beim Umbau Ende der 90er entdeckt wurde. Allerdings waren der Ironiekompressor und auch andere sprachrelevante Komponenten des Gerätes durch die unsachgemäße Lagerung schwer beschädigt worden. Die Baupläne gelten als verschollen. Der Metamor-phemat konnte bis dato nicht wieder in Betrieb genommen werden.

Werner Schandor, *1967, lebt in Graz. Studium der Germanistik und Pädagogik; Literatur-Referent des Forum Stadtpark und Pressebetreuer des steirischen herbst 1997-98; seit 1999 Pressesprecher der FH JOANNEUM, Graz, daneben zahlreiche literarische Projekte. Herausgeber des Feuilleton-Magazins "schreibkraft".

Veröffentlichungen: "in flagranti", Prosa (2001), "Glücksfall", Roman (1999), "plastik.masken.kryptichon", Gedichte (2000), "Peter Sterner. Das Geheimnis seines Erfolges", Comic-Buch inkl. CD "A Tribute to Peter Sterner", Zeichner: Roman Klug (2000) und zahlreiche Texte in Anthologien, Zeitschriften, online und im Rundfunk

Ein Projekt von Graz 2003- Kulturhauptstadt Europas und der edition schreibkraft










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