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Genre: Literatur


writers in residence: Birgit Pölzl
Fiktiv, Marie!
Biografischer Versuch zu Marieluise Fleißer

Wie beginnen, wie um des poetischen Raffinements und der literarischen Vermarktbarkeit willen beginnen, wie einen dreitausend Zeichen währenden Höhenflug in die Herzen der Rezipienten beginnen, mit anderen Worten: wie eine Biografie beginnen, die Sie so innig berührt, dass sich darob wie selbstverständlich Ihre Finger an die Perforation legen, um den - Ihren, meinen: unseren - Text: die Biografie, aus der Doppelseite zu drücken und das kulturhauptstadtliche Angebot annehmend in die Innenseite ihrer Jacke zu legen, dort, wo ihr Herz schlägt?

Etwa: Als Marieluise Fleißer im Herbst 1929, kurz nach jenem ins Widersinnige gewachsenen Skandal um ihr Stück Pioniere in Weiz die gesammelten Erzählungen herausbrachte, war auf dem Leineneinband gedruckt: Geschichten der Marieluise Fleißer aus Weiz. Ihr erstes Stück hatte man Fegefeuer in Weiz genannt. Die dort am 23. 11. 1901 Geborene, nein so beginnt man nicht, so beginnt man keinen sich in die Herzen der GrazerInnen schreibenden Text. Mehr Sentiment, meine Liebe, mehr Sentiment.

Marieluise liebte aus Weiz kommend die Weite und Weltoffenheit
von Graz, jenes urbane Trommeln, das Brecht schon zu einem Stück inspiriert hatte. Das Modellhaus Schwarz im vibrierenden Zentrum von Graz hatte ihr, Marieluise Fleißer, wie vielen Frauen davor und etlichen daneben, Rabatt gewährt für das von Bertolt Brecht geforderte Kürzen der Mäntel. In allem, selbst in der Kürze der Mäntel wollte das Neue: jener Segen spendende Materialismus, zum Ausdruck gebracht sein. Das Sein bestimmte das Bewusstsein! Das Ganze hatte auch eine ausgesprochen praktische Seite: Die Frauen wussten sich innig verbunden. Sie hatten das gleiche Ziel. Brecht! Sie gehörten zusammen. Keine Feministin legt sich so einen Text an die Brust, das kompensiert nicht einmal die Perforation. Nein und nochmals nein.

Marieluise Fleißer war von Weiz nach Graz geflüchtet, um eine jener verrückten Lieben zu leben, die Schmerz und Literatur werden. Sie lernte hier Lion Feuchtwanger und Bertolt Brecht kennen, die Graz zur heimlichen Literaturhauptstadt gemacht hatten. Doch nicht dieser Strang der Fleißer’schen Biografie interessiert - er wurde mit ausgesprochener Sorgfalt und Freude am Detail vom Grazer, inzwischen international rapide an Reputation zulegenden Institut Fleißers Nabel verfolgt -, sondern ein anderer, bislang unberücksichtigter. Das ist der Gipfel: Fleißers Nabel. Und die imageschädigenden Folgen? O. k.,
o. k., Fleißers Label. Nicht dieser Strang der Fleißer’schen Biografie interessiert - er wurde mit ausgesprochener Sorgfalt und Freude am Detail vom Grazer, inzwischen international rapide an Reputation zulegenden Institut Fleißers Label verfolgt - sondern ein anderer, bislang unberücksichtigter: das Verhältnis Elfriede Jelineks zu Marieluise Fleißer. Tatsache ist, dass Elfriede Jelinek sich jährlich zum Todestag Marieluises einfindet, um vor deren Büste im Burggarten einen Kranz niederzulegen. (Begraben ist Marieluise Fleißer bekanntermaßen in Weiz, wo sie, nachhaltig von ihrem Ehemann dazu angehalten, nicht ganz freiwillig also, einen Tabakladen führte.) Das Besondere an den von Elfriede Jelinek dargebrachten Kränzen sind die Schleifen: Alljährlich prangt goldlettrig ein Fleißer-Zitat darauf, das emphatisch die Verbundenheit der Autorin mit ihrem großen Vorbild belegt.


Kranzschleifen-Zitat ist ein Terminus aus dem Grazer Germanistenjargon. Gemeint sind damit Zitate aus dem Werk Marieluise Fleißers, die auf den Schleifen jener Kränze stehen, welche Elfriede Jelinek vor der Büste Marieluise Fleißers im Grazer Burggarten anlässlich deren Todestages am 2. Feber alljährlich niederliegt, um auf diesem Wege ihrem Vorbild Ehrerbietung zu erweisen.

2. 2. 1975
Er ist übertrieben bereit zum Empfang.

2. 2. 1976
Ja, was hat man von all den blinden Ausstrahlungen? Spott und Niedertracht, die bis in die leibeigene Familie dringen.

2. 2. 1977
Es gibt weibliche Wesen, die auch im Liebesspiel den Dingen der Welt genügend offen bleiben.

2. 2. 1978
Dann wird ihnen zur Strafe entgehen, wie er in seinem Käfig steht wie angenagelt, sich gar nicht mehr hinsetzt aus einer neuen Frömmigkeit für den Handel und Wandel.

2. 2. 1979
Also strahlt Gustl seinen Willen hinaus, die magischen Wellen, fortgesetzt gibt er Kraft weg.

2. 2. 1980
Man stößt ihn ja ab wie ein unnützes Glied.

2. 2. 1981
Das ist die taube Sorte, die ihren Tauschhandel unerkannt und folgenlos unter sich ausmacht. Jede Nachgiebigkeit gegen sie würde eine ewig verschwendete Handreichung bleiben.

2. 2. 1982
Vielleicht muß er bloß hier im Vorbeigehn seine Berufung zum blutsaugenden unter den Tieren erfüllen.

2. 2. 1983
Er ist nicht wie die Jugendlichen verpimpelt. Mit Willen hat er seinen Körper fühllos gemacht.

2. 2. 1984
Krebsrot steigt er vor ihren staunenden Augen heraus, höhnt ihnen ins Gesicht mit der nackten Haut.

2. 2. 1985
Wenn sie sitzt, steht ihr Mantel in einem Spalt auf, die Kälte zieht ihr an die Beine.

2. 2. 1986
Soll das nun das Liebesleben von Gustl im Februar sein?

2. 2. 1987
Der Mann bleibt auch auf dem engen Boden seiner vorgefaßten Meinungen kleben, denkt ein Fräulein nebenan.

2. 2. 1988
Ihre Blicke sind nicht weiblich. Sie wandern von einem zum anderen, ungerührt.

2. 2. 1989
Der Mann dünkt sich berufen von Ertrunkenen zu sprechen, es stellt sich mittlerweile heraus.

2. 2. 1990
Kopfüber war anders, und so fing die Liebe an.

2. 2. 1991
Ist das nicht die reinste Prostitution von aufkeimenden Wünschen?

2. 2. 1992
Noch nie gab die Frau dem Mann so unverhüllt zu verstehen, daß er für sie das Mittel zu einem anderen Zweck war.

2. 2. 1993
Kann die bloße Wißbegierde sich so radikal benehmen?

2. 2. 1994
Ist das Messer der Erkenntnis endlich durch die Luft gefallen? Hat es endlich geschnitten?

2. 2. 1995
Er betrachtet sie nicht als sein Revier.

2. 2. 1996
Da steht sie am Ufer und blickt in sich hinein. Das ist alles, was sie zum Augenblick beitragen kann.

2. 2. 1997
Nichts mehr von Messern. Hartnäckige Bosheit.

2. 2. 1998
Ohne zu fragen zieht er sie an sich heran und macht sie haftbar für seines Körpers freudige Signale.

2. 2. 1999
Er hat sich geärgert, das ist wahr. Er kann nicht einmal pinkeln.

2. 2. 2000
Die Gespräche sind ein Kunststück für sich in ihrer Schweigsamkeit.

2. 2. 2001
Noch brennt ein Licht in ihm. Er ist statt kirchenfromm nur eben leibfromm geworden.

2. 2. 2002
Eine Düsternis ist in seinen Zügen, der männliche Ernst.

2. 2. 2003
Schon wie er dasteht allein, das leistet Arbeit in die Breite.

(Elfriede Jelinek war angesichts des Kulturhauptstadt-Jahres 2003 bereit, das Kranzschleifen-Zitat vorab bekanntzugeben.)


Birgit Pölzl
Geb. 1959. Studium der Germanistik an der Karl-Franzens-Universität. Dissertation zum Thema Implizität im realistischen Drama. Arbeit im Kulturzentrum bei den Minoriten, erst als freie Mitarbeiterin, dann als Ressortleiterin für Literatur.
1998 erscheint die Erzählung „Leichtigkeit in den Nischen“ im Styria Verlag. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und im ORF. Literaturförderpreis der Stadt Graz, 1998. Arbeit an einem Roman: V. Versuch über ein Zugleich.

Ein Projekt von Graz 2003- Kulturhauptstadt Europas und der edition schreibkraft










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