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Genre: Literatur


writers in residence: Robert Wolf
Albert Camus, jüngster inoffizieller Stadtschreiber von Graz

17. Juni 1929. Der in ärmlichen Verhältnissen in Algerien lebende Albert Camus wird auf Anraten seines Onkels Leo, eines einflussreichen Grazer Politikers, zum inoffiziellen Stadtschreiber der Stadt Graz ernannt.
25. Juli. Onkel Leo holt Camus vom Grazer Hauptbahnhof ab. Die Nächte vom 25. auf den 26. und vom 26. auf den 27. Juli verbringt Camus bei ihm in der Goethestraße.
26. Juli. Onkel Leo macht bei einem Essen im Krebsenkeller seinen Neffen mit dem Grazer Bürgermeister Vinzenz Muchitsch bekannt. Nachdem dieser Camus Willkommen geheißen und über seine Reise ausgefragt hat, fordert er ihn freundlich auf, etwas Schönes über diese Stadt zu schreiben.
27. Juli. Camus erhält das Literatenzimmer im Gasthaus "Zum roten Turm" in der Herrengasse. Sieben Quadratmeter, ein kleines Tischchen mit einer Olympia-Schreibmaschine, Bett, Waschbecken, Gangklosett. Camus tippt vor dem Schlafengehen seinen ersten Satz in Graz: Ich bin zufrieden.
28: Juli. Camus entdeckt beim Frühstück in den "Grazer Nachrichten" eine Liste mit jüdischen Grazer Geschäftsleuten.
29. Juli. Camus tippt: Seltsame Stadt.
30. Juli. Vor dem Gasthaus "Zum roten Turm" lässt eine Gruppe von Leuten ein lebendes Schwein los. Es ist an beiden Seiten mit den Namen "Dollfuß" und "Vaugoin" rot bemalt.
31. Juli. Camus erzählt seinem Onkel Leo, er habe mit eigenen Augen gesehen, wie Kriminalbeamte das Schwein einfingen und es entfernten. Onkel Leo sagt, die Grazer haben eben ein Herz für provokante Kunst. Dann mache man hier aus dem Herzen aber eine schöne Mördergrube, erwidert Camus.
2. August. Camus tippt: Gestern habe ich Onkel Leo gekränkt.
3. August. Camus bei Onkel Leo zum versöhnlichen Mittagessen. Alle fünf Minuten steht Onkel Leo auf, geht zwei, drei Schritte und setzt sich wieder hin. Ihr Grazer seid nicht einmal fähig, eine Viertelstunde ruhig zu sitzen, sagt Camus. Ewiges Herumsitzen, sagt Onkel Leo, zerstöre das Rückgrat, das meinen die Ärzte, wenn sie raten, das Volk solle sich erheben.
4. August. Camus beobachtet eine große Demonstration auf dem Grazer Hauptplatz. Die Demonstranten fordern zum aktiven Kampf gegen die Regierung auf.
5. August. Camus tippt: Onkel Leo drängt, ich solle endlich mit dem Schreiben über ein schönes Graz beginnen, bevor es zu spät sei.
13. August. Onkel Leo wirkt ziemlich unausgeschlafen. Er höre in der Nacht die Sirenen heulen, sagt er zu Camus, er rieche den Vorgeschmack der Hölle.
14. August. Camus entdeckt bei Onkel Leo zahlreiche Beruhigungstabletten.
15. August. Onkel Leo dementiert das, was er am 13. August zu Camus gesagt hat. Er habe in der Nacht weder die Sirenen heulen hören noch den Vorgeschmack der Hölle gerochen.
18. August. Demonstration in der Herrengasse.
20. August. Onkel Leo ist es zu bunt geworden. Er beschließt seinem Neffen ab heute beim Stoffsammeln zu helfen. Er will nicht, dass Camus in etwas Unangenehmes gerät.
20. September. Camus tippt: Jeden verdammten Tag gehen Onkel Leo und ich die Murbrücke auf und ab. Seit gut einem Monat immer dasselbe. Eine Folter, die ein Schriftsteller auf sich nehmen müsse, sagt Onkel Leo. Er nervt mich.
12. Oktober. Camus tippt: Auf dieser dämlichen Brücke passiert überhaupt nichts. Es passiert woanders.
25. Oktober. Camus täuscht eine Blase auf der linken Ferse vor. Onkel Leo fordert ihn auf, den Schuh und die Socke auszuziehen. Camus weigert sich. Onkel Leo sagt, entweder Blase herzeigen oder weitergehen. Sie gehen weiter.
7. November. Camus wird siebzehn Jahre alt. Onkel Leo schenkt Camus Geld für einen Bordellbesuch in der "Triumph Bar". Camus bezahlt mit dem Geld eine Prostituierte, damit sie ihm ihr Leben erzählt.
8. November. Camus tippt: Belangloses Geschwätz einer Hure, die von sich glaubt, eine Heilige zu sein.
9. November. Camus beginnt zu rauchen. Er tippt: Das mit der Hure tut mir leid.
10. November. Camus tippt: Ich hasse das schlechte Gewissen.
11. November. Onkel Leo ist furchtbar böse auf Camus, weil er noch immer nichts Schönes über Graz geschrieben hat.
12. November. Camus wünscht Onkel Leo einen ordentlichen Schnupfen.
13. November. Camus entschuldigt sich bei Onkel Leo. Er sagt, das mit dem Schnupfen täte ihm leid. Onkel Leo niest zwei Mal in ein Taschentuch und seufzt hinterher.
14. November, Nacht. Camus tippt: WENDEPUNKT.
14. November, Vormittag. Onkel Leo hat eine leichte Grippe abbekommen. Er bittet Camus, heute die Brücke allein auf und ab zu gehen.
14. November, 16:12. Camus lehnt rauchend am Geländer der Murbrücke. Er denkt weder ans Gehen noch an Onkel Leo oder ans schlechte Gewissen. Er sieht im Fluss die Leiche einer Frau.
14. November, Nacht. Camus tippt: Die Strömung weigerte sich, die Tote mit in den Süden zu reißen.
14. November, 16:13. Sie sei vom Sinn des Lebens überzeugt gewesen. Bis zu diesem unlogischen Augenblick habe sie die Vernichtung ihres Körpers gescheut. Einfach absurd. Das sagt ein Mann im schwarzen Anzug zu Camus und verschwindet.
14. November, 16:14. Eine Frau mit langen blonden zerzausten Haaren, barfuß und zitternd vor Kälte, klammert sich an Camus wie eine Ertrinkende. Er solle gefälligst diesen pietätlosen Blick von dieser idiotischen Leiche wenden, sagt sie. Sie selbst sei doch viel wichtiger, sie lebe. Sie entblößt ihren prachtvollen linken Busen und sagt: "Da! Was hältst du davon, he?" Camus reagiert und drückt ihr einen Kuss auf die blassen Lippen. Da stößt sie seine Lippen von sich, zieht sie wieder an sich, stößt sie wieder von sich. "Und was hältst du davon, he?"
14. November, Nacht. Camus tippt: Dort, wo sich normalerweise ihr rechter Busen befindet, sah ich zwei hässliche Narben, die ein Hakenkreuz bildeten. 14. November, 16:15. Camus drückt der Frau eine Geldmünze in die Hand. Sie lacht unvermittelt drauf los und verschwindet.
14. November, 16:16. Ein Mann, um die vierzig, jüdische Kopfbedeckung, sagt kurz zu Camus: "Ich spüre die Ablehnung. Ich werde bedroht. Vielleicht sollte ich auch springen." Er springt nicht.
14. November, 16:17. Ein alter Mann geht langsam hinter Camus vorüber. Er hebt seinen Hut hoch während er sagt: "Der Überdruss hat sie aufgeweckt. Und das dreißig Jahre vor ihrer Pensionierung. Ein Jammer mit dieser Toten."
14. November, 16:18. Ein Philosophieprofessor pflanzt sich neben Camus auf und schiebt sich Kautabak in den Mund. Eine halbe Minute lang blickt er, so wie Camus, schweigend runter in die Mur. Dann macht er ein ungehaltenes Gesicht. Plötzlich spuckt er den Kautabak ins Wasser. Der Kautabak verfehlt die Leiche nur knapp. Der Philosophieprofessor bittet Camus um eine Zigarette. Als Camus ihm die Zigarette auch noch anzündet, sagt er: "Jüdin. Sie war eine Jüdin. Vor einer Stunde war diese Jüdin noch am Leben, Herr..."
"Camus, Monsieur Albert Camus."
"Ja, Monsieur Camus. Vor gut einer Stunde, da habe ich das arme Ding noch in einem Geschäft beobachtet. Sie hat sich Seidenstrümpfe gekauft. Durch das Schaufenster habe ich ihr Mienenspiel gesehen."
14. November, 16:19. Eine alte Frau mit schütterem Haar beobachtet die beiden aus unmittelbarer Nähe. Sie hört die Worte des Philosophieprofessors: "Also, Monsieur Camus, ich sage Ihnen mal was. In meinem ganzen Leben habe ich noch nie derart Sinnloses gesehen, wie dieses sinnlose Mienenspiel dieser Jüdin in diesem Strümpfegeschäft. Da habe ich mich tatsächlich gefragt, warum sie noch lebt. Und warum ich noch lebe. Nun. Sie ist tot. Ich lebe. Genieße eine Zigarette. So ist es, nicht wahr Monsieur Albert Camus?" Camus schweigt.
14. November, 16:20. Camus schnippt die Zigarettenkippe in die Mur. Da drängt sich die alte Frau an ihn heran und stößt ihn zur Seite. "Junger Mann", sagt sie, "sehen Sie nicht meine Entchen?" Sie schleudert einen Sack mit alten Brotstücken in den Fluss und kreischt: "So macht man das, Albert Camus, genau so!" Der Sack mit den alten Brotstücken schlägt auf dem Rücken der Toten auf.
14. November, Nacht. Camus tippt: Dieser geringe Stoß befreite die Leiche aus der stehenden Brandungswelle und überließ sie der Strömung des Flusses. Ich sah der Toten so lange nach, bis ich sie aus den Augen verlor. Ich fragte mich, warum es in Graz nichts für mich gab, wovor ich mich, vor Dankbarkeit vergehend, auf die Knie hätte werfen können
14. November, 16:25. Camus noch immer mit Blick in die Mur.
14. November, 16:28. Camus dreht sich um. Auf der anderen Seite der Brücke sitzt ein Junge, der seinen abgetrennten Unterschenkel zur Schau stellt. Er bettelt um Almosen. Drei Straßenbahnen fahren hintereinander in Richtung Hauptplatz. Ein junges Mädchen lacht auf seinem Fahrrad lautlos vor sich hin. Ein LKW der NSDAP brüllt unmittelbar an Camus vorüber.
14. November, Nacht. Camus tippt: Geradezu zum Trotz atmete ich die ausgestoßenen Abgase des LKWs tief ein. Und zum Trotz hielt ich danach diese schäbige Luft solange in meinen Lungen fest, bis ich die andere Seite der Brücke erreicht hatte.
14. November, 16:37. Auf der anderen Seite der Brücke, an der Ecke zum Kai, begegnet Camus dem Brezelverkäufer: "Möchtest wohl eine meiner köstlichen Brezel ausprobieren, junger Mann? Damit kann ich dienen. Moment. Glaub mir, mein Junge, er wird das Alpha und das Omega sein. Er wird kommen und uns beherrschend beglücken. Hellbraun oder etwas dunkler, hm? Wie möchtest du die Brezel? Er wird in unserer Mitte wohnen, verstehst du? Sein Volk werden wir sein. Die Hellbraune ist etwas weicher. Aber was sage ich da? Sicher hast du gute Beißer. Du solltest dich verändern, deine Haare blond färben. Ja, er wird alles neu machen. Hier, siehst du diese Brezel? Achte auf die Farbe an ihrer gesunden Krümmung. Glaubst du, diese Brezel ist dort umsonst so schön dunkelbraun geworden? Nein, mein Junge, nicht schwarz, nicht verbrannt, nur dunkelbraun. Diese Brezel, sie gibt mir ein Zeichen, verstehst du? Sie sagt, Graz sei eine auserwählte Stadt. In ein paar Jahren wird es die ganze Welt erfahren. Ja, mein Junge, so was lese ich jeden Tag aus meinen Brezeln. Man muss die Zeichen nur zu deuten wissen. Nun mach mir nicht so ein komisches Gesicht, junger Mann. Woher kommst du denn? Hier, die hellbraune und hier die dunkelbraune Brezel, ich schenke sie dir, alle beide. Nun sag mir doch endlich, woher du kommst, hm?"
14. November, Nacht. Camus tippt: Diese Freundlichkeit, die dieser Mann mir entgegenbrachte, verpflichtete mich zu nichts. Ich verschwieg ihm meine Herkunft.
14. November, 16:40. Camus entfernt sich vom Brezelverkäufer.
14. November, Nacht. Camus tippt: Während ich dieses Salzgebäck aß, neigte sich der Tag in Graz und die Frauen waren auf einmal besonders schön. Und dennoch spürte ich kaum Erleichterung, sondern nur diesen bitterbraunen Beigeschmack.
14. November, 16:45. In diesem Zustand wandert Camus´ Blick zum Schloßberg.
14. November, Nacht. Camus tippt: In diesem Zustand erfassten meine Augen diesen Berg. Da wusste ich, dass ich bald schreiben würde. Aber ich wusste auch, dass ich mich nicht zu schnell im Ruhm sonnen durfte. Morgen werde ich Onkel Leo fragen, ob er mir bei der Beschaffung eines Felsblockes hilft. Ich muss einen Felsblock zum Gipfel dieses Schlossberges hinaufwälzen. Mal sehen, ob mich das weiterbringt.
15. November. Onkel Leo ist nicht ansprechbar.
16. November. Onkel Leo ist nicht ansprechbar.
17. November. Onkel Leo ist nicht ansprechbar.
18. November. Onkel Leo gelingt es nicht, einen passenden Felsblock aufzutreiben.
19. November, Vormittag. Die Ernennung Albert Camus´ zum inoffiziellen Grazer Stadtschreiber wird mit sofortiger Wirkung gekündigt.
20. November, Abend. Onkel Leo bringt seinen Neffen zum Bahnhof. Am Ende sagt Onkel Leo zu ihm: "Unsere Mühe war wohl vergeblich"
20. November, Nacht. Im Zug notiert Camus: Ich werde mich so verhalten, als wäre ich nie in Graz gewesen. Armer Onkel Leo.

Jahre später, im okkupierten Frankreich, schreibt Camus in der Widerstandspresse. 1943 wird sein Werk "Der Mythos von Sisyphos" veröffentlicht. Die Stadt Graz wird darin nicht erwähnt, hinterlässt aber Spuren.

Ein Projekt von Graz 2003 - Kulturhauptstadt Europas und der edition schreibkraft.






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