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Genre: Musik


Ikonen des 20. Jahrhunderts
Weder Mode noch Nostalgie - Zentrale Positionen der Musik

Zentrale künstlerische Positionen der Musik des 20. Jahrhunderts in exemplarischen Interpretationen zu präsentieren, war die Herausforderung von Peter Oswalds Projekt. Dazu wurde im Laufe des Jahres 2003 eine Reihe von Spitzenorchestern und MusikerInnen in Graz versammelt. Zu hören waren Werke von Pierre Boulez, Helmut Lachenmann, György Ligeti, Olivier Messiaen u. a.

Als Ferruccio Busoni 1907 den "Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst" formulierte, gab er ein Ziel vor, das spätestens seit dem Tod Richard Wagners am Horizont einer neu zu (er-)findenden Musiksprache erahnbar geworden war: "Schafft Neues, macht keine Kompromisse!" Die Schrift hatte damals - und vielleicht auch heute noch - das Gewicht eines Manifestes. Nun, so Busoni, beginne die Musik endlich, die Fesseln dumpfer Gebundenheit abzuwerfen und sei frei für ihre neuen Aufgaben, sei bereit für die Erfüllung ihrer wahren Bestimmung.
Beinahe 100 Jahre später wissen wir, dass der von Busoni beschworene frische Wind dem verheerenden Sturm zweier Weltkriege standzuhalten hatte. Mit desaströsen Folgen auch für das Musikleben. Nach 1945 musste man zunächst das Verhältnis zu Schönberg, dessen Zwölftonmethode als überholt galt, zu Hindemith, der zu entdecken war, zu Strawinsky, dem verstörend Vielschichtigen, und auch zu Bartók, der kaum gespielt wurde, klären. Über allem aber stand die Frage: Wie weiter? Aus Schönbergs Methode entwickelte sich über weitere Rationalisierungsmaßnahmen Anton Weberns und Olivier Messiaens der streng serielle Stil der so genannten Darmstädter Schule, zu der Komponisten wie Pierre Boulez, Luigi Nono, Karlheinz Stockhausen oder Bruno Maderna gehörten. Wenn einige Vertreter eher introvertierte Einzelgänger waren, so verstanden sie sich durchaus als kämpferische Gruppe, die allgemein als Speerspitze der Avantgarde wahrgenommen wurde. Dies vor allem auch deshalb, weil der Serialismus als Negation und radikaler Gegenentwurf zu einem als spießbürgerlich empfundenen Musik-Hedonismus konzipiert war. Doch der Wahrheitsanspruch und die Idee der reinen Lehre sind in Politik wie Kunst höchst heikel. Zurück bleibt oft nur die "reine Leere". Die verpflichtende, einheitliche musikalische Weltformel ward jedenfalls nicht gefunden. Genau davon erzählte der Zyklus "Ikonen", von den verschiedenen, vielgestaltigen, aufregenden Wegen, die Komponisten gegangen sind, um musikalisches Neuland zu betreten.
Pierre Boulez brach auf zu neuen Dimensionen des Klangs, der Farbspektren und des Raums. Altes Material hat er immer wieder neu geschichtet, neu bewertet, erweitert, perspektivisch neu ausgeleuchtet. Diese Erfahrungen mit stets neu erfundenen Aggregatzuständen von Klängen machten Boulez auch zu einem der großen Dirigenten der Gegenwart. Nach anfänglichen Widerständen haben die Wiener Philharmoniker letztlich erkannt, dass hier jemand strukturelle Analyse mit wohl kalkulierter Emphase zu verbinden weiß. Boulez wurde einer ihrer wichtigsten Dirigenten. Die Verbindung erwies sich als Glücksfall.
"Ikonen" machte aber auch erfahrbar, wie aufregend vielgestaltig die Klassiker der letzten Jahrzehnte sind. Zum Beispiel Olivier Messiaen, der Lehrer Boulez'. Mit einer Akribie wie sonst nur Leos Janácek studierte der Franzose die akustische Umwelt, speziell die Vogelstimmen aller Erdteile, die er sowohl wissenschaftlich katalogisierte als auch ins Künstlerische transformierte - nicht als instrumentelles "Zwitschermaschinen"-Material, sondern in einem pantheistisch ehrfürchtigen Wissen, dass "in jeder Kreatur ein Funken Gottes" (Dostojewski) aufscheint.
Oder György Ligeti. Mit hektischem Temperament kam der 1956 aus Ungarn Emigrierte über die westliche Musikwelt, erklärte mit fiebrig-enthusiasmiertem Ton seine futuristische Klangwelt. An das schier Zauberhafte grenzte die filigrane Verwobenheit der Orchesterpartitur "Atmosphères" (1961). Manchen kam sie wie eine feine Häkelarbeit aus hundert Spinnennetzen vor.
Oder Morton Feldman und seine Musik der Vereinsamung, was so viel bedeutet wie: nur im Austausch mit dem Klang erdacht, erfühlt, erahnt. Feldman erreichte ein Maximum an Freiheit und Mobilität: "Ich komponiere nicht, ich sammle; ich mache keine Komposition, sondern eine Assemblage. Für mich ist Klang das Wichtigste. Ich empfinde, dass ich ihm untergeordnet bin. Ich spüre, dass ich meinen Klängen zuhöre und tue, was sie mir sagen; nicht aber, was ich ihnen zu sagen hätte."
Oder Giacinto Scelsi und dessen archaische Konzeption von Kunst, die magisch-faszinierende Klangwelten hervorgebracht hat, die geradezu kometenhaft in der staunenden Musikwelt einschlugen. Seine Werke unterlaufen die gewohnten Rezeptionsmuster, provozieren aufregend neue Hörabenteuer.
Oder Helmut Lachenmann und seine gleichsam zitternde Artikulation von Stille.
Oder Beat Furrer, dessen Werke keinen Zweifel daran lassen, dass hier einer (an sich) arbeitet, dessen Klangsensibilität und radikale Absage an eine allzu eingängige Zusammenhangs-Ästhetik zu einer ganz unverwechselbaren Sprache, zu bewegten, verwegen geschichteten Ereigniszonen geführt haben. Dies stellt auch sein neues Violinkonzert unter Beweis das im Rahmen des letzten Konzerts der Reihe "Ikonen" am 28. November 2003 uraufgeführt wurde.

Idee und Konzeption: Peter Oswald

Ein Projekt von Graz 2003 - Kulturhauptstadt Europas.

Datum:12.01.2003 - 28.11.2003
Ort:Helmut List-Halle
Opernhaus Graz
Stefaniensaal





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