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Genre: Literatur


writers in residence: Monika Wogrolly
Das geheime Tagebuch der Anäis Nin

1. 8. 1933
Mein Mann Hugo denkt, ich halte mich in Paris auf. Doch ich habe beschlossen, mir eine Zeit abseits dessen zu gönnen, was mich am Leben erhält; abseits meiner Lieben. Ich verdinge mich in einem Innenstadtlokal in Graz als Tänzerin. Niemand weiß, dass ich hier bin, nicht einmal Vater. Auch Henry Miller ahnt nichts. Ich schreibe keine Briefe, nur parallel zueinander zwei Tagebücher. Ein offizielles, in dem ich in Paris bin, das ich für Hugo und Henry bestimmt habe, und ein intimes Tagebuch über Graz. Als ich zuletzt in New York und Paris war, wurde ich gleichermaßen von Eduardo, Hugo, Henry, meinem Analytiker Allendy und Otto Rank belagert. Ich hatte mir Krankheiten und Unpässlichkeiten ausgedacht, um sie mir abwechselnd vom Leib zu halten. Manchmal besuchten sie mich unmittelbar nacheinander. Die fantastischen Lügengeschichten, die ich jedem von ihnen auftischte, kosteten mich immer mehr Aufwand und Mühe. Oft widersprach ich mir und blickte in vergrämte und entsetzte Gesichter. Oder ich brachte keine Lust, kein Feuer mehr zustande, und das rot tapezierte Hotelzimmer, in dem ich Allendy mit der Peitsche traf, wurde zum grotesken Schauplatz meines Spotts über die Männer. Ich fühlte, dass es an der Zeit zum Rückzug war. Ich wollte wieder zu mir kommen und durchsuchte fieberhaft den Weltatlas nach einem Ort, an dem mich niemand vermutete. Ich schloss die Augen, machte ein Spiel daraus und tippte mit dem Zeigefinger irgendwohin. Als ich die Augen aufschlug, hätte ich nach Bora-Bora, zweihundert Kilometer entfernt von Tahiti, reisen müssen. Beim zweiten Versuch traf mein Finger auf eine Stadt in Österreich, deren Namen ich noch nie gehört hatte. Ich überlegte nicht lang. Da ich ein Stadtmensch bin, beschloss ich, mich nach Graz zu begeben. Ich plante, ein Jahr zu bleiben. Ich bin nun seit dreieinhalb Monaten hier. Ich liebe es, über den Hauptplatz zu promenieren und die Menschen zu beobachten. Die Stadt erinnert mich an Italien und hat Aspekte vieler Orte, an denen ich war. Allerdings fühle ich mich manchmal einsam. Der Job in der Innenstadt-Bar ist erfüllend; die Leute beobachten mich, ich gefalle ihnen, aber sie nehmen sich meiner nicht an. Hier scheinen mir alle sehr mit sich selbst beschäftigt zu sein. Und kommt man mit jemandem ins Gespräch, so zieht er einen rasch ins Vertrauen. Fast alle hier malen, schreiben oder sind einer anderen Kunstrichtung hingegeben. Alle hier träumen von Ruhm und davon, eines Tages eine Büste im Stadtpark zu sein.

2. 8.
Um ehrlich zu sein, bin ich nicht ganz allein hier in Graz. Mir begegnete vor einiger Zeit ein Pärchen, das mich an Henry und June erinnert. Vor allem die Frau nimmt mich für sich ein. Ich besuche sie häufig. Einmal baten sie mich, ihnen beim Sex zuzusehen, und ich erfüllte diesen Wunsch. Sie lieben ausgefallene Plätze. Ich fantasiere oft - und es erregt mich -, dass in fünfzig oder hundert Jahren arglose Einwohner der Stadt auf diesen Parkbänken und an den Stellen in Graz sitzen werden, wo unser Glück stattfindet. Heute waren wir bei prächtigem Wetter auf dem Schloßberg. Ich lag mit M. im Gras, während S. uns zusah. Die Stadtparkwiese ist auch ein beliebtes Ziel. Mein Schamgefühl dem Tagebuch gegenüber wächst ins Groteske. Ich weiß nicht, warum, aber gewisse Intimsphären möchte ich mir erhalten. Das hat mich diese Stadt gelehrt. Denn einesteils erscheint sie mir wie ein offenes Buch, erscheint einladend und will alles von sich preisgeben; andernteils bleibt Graz ein Geheimnis. Das Geheimnis liegt in einem verschlossenen Tresor. Es ist die Alltagsstimmung, die mich trägt und entführt. Es sind die trüben Tage, die sich abwechseln mit heiteren. Ein treffendes Wort dafür wäre Melancholie. Ich werde mir einen Verlag suchen und eine Möglichkeit, von hier aus Briefe zu versenden, ohne zu erkennen zu geben, wo ich bin. Niemand soll wissen, dass ich hier war.

Ein Projekt von Graz 2003 - Kulturhauptstadt Europas und der edition schreibkraft.






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