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Genre: Literatur


writers in residence: Georg Pichler
Aus dem Grazer Briefwechsel William Faulkners

An Mrs. Maud C. Falkner [Faulkners Mutter]
Donnerstag, 13. August 1925
c/o Hotel Elefant, Graz

Liebe Moms,
Stresa war so überlaufen von amerikanischen Touristen, dass ich meinen Packen und die Schreibmaschine nahm und mit dem nächsten Zug in die italienischen Alpen nach Österreich fuhr. In den Tälern lauter Tunnel und reißende Flüsse und Burgen und Ruinen, die irgendwie an den Bergen hängen. Und überall Glocken. In den Kirchen, an den Kühen und Schafen - man hört nichts als Glocken. In Österreich war es kalt. Nach einer Weile sahen die Alpen wie ein langer Walfisch mit einer Menge Wolken auf seinem Buckel aus, und wir fuhren durch eine Gegend, die einem großen Zackenkamm glich, dessen Zacken immer mehr abgeschliffen wurden. Dann fuhren wir an einigen Seen vorbei, Kärnten - welch schönes Land bei Sonnenuntergang. Weiter durch ein enges Tal und den Fluss Mur entlang nach Graz.
Graz ist nicht überlaufen von amerikanischen Touristen. Fand auf dem Weg vom Bahnhof ins Zentrum gleich ein nettes altmodisches Hotel. Hier bleib ich einmal und will ein paar Reiseberichte schreiben, die ich schon angefangen habe und sie in die Staaten schicken. Muss mir bald die Schreibmaschine ausbessern lassen.

Billy

An Estelle Faulkner [Faulkners Frau]
[Poststempel 13. November 1931]
Parkstraße 17, Graz

Ich schreibe ein Drehbuch für Tallulah Bankhead (eine wirklich gute Schauspielerin). Mein Agent leistete gute Arbeit, heute noch soll der Vertrag, der mir hierher telegraphiert wird, unterschrieben werden, für etwa $ 10,000.00 . Es geht ungefähr so vor sich: gestern schrieb ich den Entwurf, die Synopsis, wofür ich $ 500.00 bekommen soll. Als nächstes werde ich den Entwurf ausarbeiten und die Handlung einfügen und bekomme 2,500.00. Dann schreibe ich den Dialog und bekomme den Rest. Außerdem will mir Cosmopolitan für eine Kurzgeschichte vermutlich $ 1,500.00 zahlen.
Du wirst sehen, Du wirst es nicht bereuen, meine Frau geworden, und nach Styria nachgekommen zu sein. Wenn Du von Deinen Eltern zurück bist, werde ich Dir die kleine Farm in Zettling zeigen, keine 10 Meilen südlich von Graz, dort könnten sich Pferde wohl fühlen.
Ein Glück, dass ich einen kühlen Kopf habe und nicht eingebildet bin. Nein, ich glaube nicht, dass es mir zu Kopf gestiegen ist. Jedenfalls schreibe ich, arbeite am Roman, an einer Kurzgeschichte. Und an dem Drehbuch arbeite ich auch. Deshalb sind meine Briefe so kurz - ich schreibe eben fast immer, verstehst Du? Aber die ganze Zeit denke ich an Dich

Billy


An Sherwood Anderson
[2. März 1952]
Graz

Lieber Anderson,
Deinen letzten Brief vom vorigen Monat habe ich voller Stolz und Demut gelesen. Du bist ein guter Freund, keiner dieser elendigen Neider.
Ich leide schon unter Verfolgungswahn, wenn ich mit irgendeinem amerikanischen Autor zu tun habe. Diese Nobel-Sache war natürlich bombastisch. Obwohl ich lieber mit Sherwood Anderson und Dreiser ins gleiche Fach gesteckt werde als mit Sinclair Lewis und Mrs. Chinahand Buck. Ich bedaure es jetzt gar nicht mehr, dass ich nach Stockholm ging; ich begreife, dass es nötig war; man kann Fehler begehen und sie bedauern, aber wenn man Taktlosigkeiten begeht, kann man sich nur schämen. Ich tat mein Möglichstes, um mich wie ein schwedischer Gentleman zu benehmen. Das Versteckspiel war nötig, sonst wäre ich überrannt worden. Und Du weißt, wie viel Ruhe ich brauche, um arbeiten zu können. Das war damals in New Orleans nicht anders, als wir unsere Sachen machten. Hier bin ich der distinguierte Herr Falk, ein amerikanischer Erbe. Graz ist eine hübsche Stadt und ich finde hier die für mich lebensnotwendigen Bedingungen für meine ideale Schreibbefindlichkeit: Abgeschlossenheit und von mir aus: Verkanntheit. Es liegt mir nichts daran, erkannt zu werden, das heißt belästigt zu werden, als Schriftsteller sollte man so unauffällig wie möglich sein - aber unbarmherzig und konsequent, niemanden schonend. Ich ziehe auch sehr in Zweifel, ob ich zu Hause zu solcher übermenschlicher, titanischer Disziplin fähig gewesen wäre, ergo den Nobelpreis bekommen hätte.
Dankbar denke noch immer daran, wie Du mich Blässling damals, bevor ich nach Europa fuhr, für würdig gehalten hast, einem Schreibkünstler wie Dir in Augenhöhe gegenübertreten zu dürfen.
Bill


An Sherwood Anderson
[September 1957]
Graz

Lieber Anderson,
gerade komme ich von einem Stadtgang in meine auf den netten Stadtpark gerichtete Wohnung zurück und muss Dir berichten, wie stolz ich war, zwei Deiner Bücher in der hiesigen Buchhandlung Moser in der Herrengasse gesehen zu haben, und zwar in der Übersetzung des deutschen Schriftstellers Hans Erich Nossack. Der Buchhändler dort ist ein wahrer Freund geworden, bestellt auch immer wieder die Neuerscheinungen eines gewissen William Faulkner, die ich ihm abkaufe, weil die Romane in der Gegend spielen, aus der ich stamme (wie ich, Bill Falk, ihm versicherte). Dass das Yoknapatawpha County gleichgut die Gegend südlich von Graz sein könnte, wo wir unsere Farm haben, weißt Du jetzt hiermit exklusiv. Wieso soll das langsam durch Flachland fließende Wasser (dies bedeutet der indianische Begriff Yoknapatawpha) nicht die Mur sein? Auch die Engstirnigkeit und Beschränktheit der Landleute hier erinnert mich eklatant an meine Landsleute in Oxford, Mississippi.
Noch allzugut erinnere ich mich an Deinen damaligen Rat: "Warum nicht Romane schreiben? Brauchst vielleicht nicht zu arbeiten!" Ich tat’s.
Aber ich hatte natürlich wirklich viel Glück, dass ich so schnell Erfolg hatte und dennoch unerkannt hier leben kann.
Das Ding, an dem ich jetzt werke, wird immer besser. Du musst den ersten Satz einer Geschichte so schreiben, dass, wer immer ihn liest, auch den zweiten lesen will. Das ist eine gute Regel.
Bill


An Sherwood Anderson
[Mitte März 1962]
Graz

Lieber Anderson,
Ich sehe nicht, wie ich hier weg kann. Bin froh, wenn ich mal in meine Grazer Stadtwohnung komme und etwas bummeln kann. Jetzt musste ich zwangsweise von meinen geliebten Pferden weg. Es passierte dadurch, dass ich zu schnell über feuchtes Gelände ritt und das Pferd zu schnell umwandte, um einen Zaun zu nehmen, und es selbst zu Fall brachte. Als es fiel und ich mich unter ihm hervorwurmte, brach ich mir das Schlüsselbein. Estelle kümmert sich rührend um mich.
Vor einigen Monaten lernte ich doch einige hiesige Schreiber kennen. Durch einen wirklichen hommes de lettre, einen Mister Alfred Holzinger vom steirischen Radio. Er macht Literatursendungen. Bei ihm vermute ich manchmal, er wüsste, wer ich tatsächlich bin. Mit ihm traf ich einen interessanten, außerhalb seiner Region viel zu unbekannten Schriftsteller namens Franz Nabl, einen durch und durch anständigen, aber etwas naiven Menschen. Das macht doch - auch - große Künstler aus. Die anderen hier in Graz, beispielsweise jene Kameraden der Gruppe Alpenland machen weiter, als ob Hitler den Krieg nicht verloren hätte, hängen sich gegenseitig die Orden und Literaturpreise um.
Ich hege auch den Verdacht (es ist nicht unangenehm, eher schmeichelhaft), dass mich ein junger, langhaariger Mann observiert, den ich, wenn ich mich nicht täusche, auch schon mit Nabl durch die Herrengasse wandeln gesehen habe. Diese jungen Grazer Autoren, aus denen kann noch was werden. Sie stellten sich mitten im Grazer Stadtpark ein Kunsthaus hin, ein selbstverwaltetes. Dort gibt’s jetzt jede Menge Ausstellungen, Lesungen, Konzerte. War auch schon dort. Holzinger, der mitmacht, die Jungen fördert, erzählte mir von einem Handke, der im ersten Roman versucht, wie Faulkner zu schreiben. Bin neugierig.
Bill

Ein Projekt von Graz 2003 - Kulturhauptstadt Europas und der edition schreibkraft.










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