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Genre: Theater/Tanz
Musik
Literatur


steirischer herbst 2003 - Szenische Kunst
Europäische Positionen in Musiktheater, Schauspiel, Performance & Co

Was ist Europa? Und wie ist Europa wirklich? Das künstlerische Programm der europäischen Kulturhauptstadt Graz 2003 konnte an diesen Fragen natürlich nicht vorbeigehen. Der steirische herbst versammelte daher eine Reihe von szenischen Produktionen, die auf ganz unterschiedliche Weise auch europäische Themen verhandelten. Nicht als Folge einer verordneten Thematisierung, sondern weil Kunstproduktion immer auch ein Akt aktueller Selbstvergewisserung ist.

Es ist daher kaum überraschend, dass sich zeitgenössische KünstlerInnen implizit und explizit auch mit den sozialen, politischen, ökonomischen und kulturellen Implikationen jener Veränderungen beschäftigen, von denen Europa gegenwärtig unmittelbar betroffen ist: Vom ungebremsten Fortschreiten neoliberaler Ideologien und der Renaissance des politischen Konservativismus nationalistischer Prägung, vom schwierigen Erweiterungs- und Integrationsprozess sowie von den Folgen des Fiaskos des 11. September 2001, in dem sich - nach Slavoj Žižek - "die wahre politisch-ideologische Katastrophe" nicht eigentlich für die USA sondern für Europa abzeichnet. Nicht nur Žižek fürchtet, dass "im Namen des 'Kriegs gegen den Terror' [...] uns Europäern stillschweigend eine bestimmte positive Vision der globalen politischen Beziehungen aufgedrängt (wird)", und dass es angesichts der "noch nie da gewesenen Stärkung der amerikanischen Hegemonie in jeder Hinsicht [...] für Europa höchste Zeit ist, sich selbst als eine unabhängige ideologische, politische und wirtschaftliche Kraft mit eigenen Prioritäten zu etablieren." Was für den slowenischen Philosophen auf dem Spiel steht, ist nichts weniger als das Überleben des demokratischen Erbes Europas.

Der österreichische Komponist Bernhard Lang hat das Thema Europa-USA schon lang vor dem 11. September 2001 und Žižeks Ermahnungen zur übergeordneten Instanz eines Musiktheaterprojektes erhoben. "Das Theater der Wiederholungen" - Langs Opus Magnum, in dessen auf Gilles Deleuze verweisenden Titel nicht nur schon das spezifische Kompositionsprinzip anklingt, sondern auch die inhaltliche Programmatik ("Eine mögliche Geschichte der Grausamkeit") - ist in drei große Abschnitte, drei Erzählungen gegliedert, die jeweils im 18., 19. und 20. Jahrhundert angesiedelt sind. Der erste Akt ("Lob der zynischen Vernunft") basiert auf Texten von de Sade und Huysmans und wirft einen Blick auf den europäischen Absolutismus, thematisiert die Verherrlichung des Naturrechts, das Lob des Stärkeren, die ideologische Absage an jede Form des sozialen und solidarischen Denkens.
Der zweite Akt verlässt diesen grauen, zynischen, europäischen Kontext, widmet sich dem Aufbruch in eine andere, eine freiere, humanere Welt und erinnert daran, dass (Nord-)Amerika als europäischer Traum entstanden ist, wo sich Europa - im Sinne der konsequenten Entwicklung von Demokratie und liberalem Kapitalismus - selbst erneuern konnte.
Die dritte Erzählung schließlich - basierend auf Protokollen der Nürnberger Prozesse und Berichten aus serbischen Lagern während des Jugoslawienkriegs - ist eine Rückkehr zum Ausgangspunkt, nach Europa, in die Zeiten, als der alte Kontinent wieder in seinen Alpträumen versunken ist, aus denen er neuerlich von seinem real gewordenen Traum (von Amerika) errettet werden musste.

Eröffnet wurde der steirische herbst aber mit Sasha Waltz's wissenschaftlichem Tanzabend "insideout". Grundlage für Waltz's choreographische Installation bildeten Interviews mit den KünstlerInnen ihres Tanzensembles, die der Historiker Karl Stocker, Mitinitiator des Projektes, durchführte. Die Biografien der TänzerInnen aus Asien, Europa sowie Nord- und Südamerika waren Ausgangspunkt eines mehrstufigen Prozesses, der den Bedeutungswandel von Statussymbolen und Werten für die Zusammensetzung sozialer und kultureller Identitäten zum Inhalt hatte. Den "subjektiven" Lebensgeschichten wurden "objektive" wissenschaftliche Thesen von Pierre Bourdieu, Jean Baudrillard, Ulrich Beck und Judith Butler gegenübergestellt und analysiert. Woraus setzen wir unsere Identitäten zusammen? Welche Bedeutung haben heute noch Herkunft, Familie und Geschichte? Wie entwickeln sich gesellschaftliche Werte angesichts einer zunehmenden Individualisierung? Was bestimmt unser Wesen - Haben oder Sein?

Die Mode, die - nach Walter Benjamin - das Ritual vorgibt, "nach dem der Fetisch Ware verehrt sein will", stand im Mittelpunkt eines weiteren Projekts, mit dem der steirische herbst 2003 seine szenischen Erkundungen der gesellschaftlichen Befindlichkeit Europas und Amerikas fortsetzte: Lisa D.s "Dry Clean Show", die die Aufnahmefähigkeit und Reinigungskraft der herrlichen Konsumwelt auf die Probe stellt, in der die gesellschaftlichen Widersprüche - wenn auch bloß als immer neu wiederholtes Versprechen für die Zukunft - global aufgehoben scheinen.
Musikalische Unterstützung erhielt Lisa D. dabei durch die in Berlin ansässige Musiker-Formation "zeikratzer". Zeitgenössische Kompositionen waren darüber hinaus - neben den hier angesprochenen inhaltlichen Zusammenhängen - ein weiteres programmatisches Bindungsglied der szenischen Produktionen des steirischen herbst 2003:
Neben Bernhard Lang präsentierte auch Olga Neuwirth ein neues Musiktheaterprojekt, das die Grenzen des Genres sprengt und damit auch ein neues, jüngeres Publikum ansprach.

Basierend auf dem Drehbuch von David Lynchs Film "Lost Highway" hat die in Graz geborene Komponistin dafür gemeinsam mit Elfriede Jelinek ein Libretto geschrieben, in dem es zwar auch - wie bei Lang - um Gewalt und Schuld geht, wo Gewalt aber nicht mehr primär als soziales oder politisches Problem (das zumindest zu moralischen Reaktionen herausfordert), auch nicht als Weg zum Wandel der Verhältnisse thematisiert wird, sondern als "fundamentale Lebenserfahrung". Lynch erhebt - wie dessen Biograph Georg Seeßlen vermutet - die Frage der Gewalt in einen philosophischen Rang: "Wie authentisch und notwendig wird Gewalt für die postmoderne Gesellschaft sein?" Und die Antwort, die sich durch Lynchs gesamtes Oeuvre zieht, könnte lauten: "Leben und Gewalt sind eins."
Damit setzt der in den USA lange Zeit als "Europäer" ausgewiesene, tatsächlich aber aus dem "fundamentalen Amerika" (Lynch über seinen Heimatort Missoula in Montana) stammende Filmemacher dem eversmiling Amerika ein Bild entgegen, in dem aus der lächelnden, schön geschminkten gesellschaftlichen Fassade Paranoia und Grauen brechen.
Lynchs verwirrende, "unlogische", "mysteriöse", "surreale" Geschichten können - wie Seeßlen andeutet - daher durchaus auch als Beschreibung einer politischen Lähmung einer Gesellschaft gelesen werden, die sich selbst vorspielt, ihre eigene Utopie bereits erreicht zu haben (und damit auch einen Schlüssel zum Verständnis der "logischen" imperialen Arroganz der US-Politik liefert, die dem Antiamerikanismus weltweit immer neue Nahrung gibt). Eine Lesart, die nicht zuletzt die besondere "Faszination" erklären könnte, die Lynchs Filme in Europa, jenseits ihrer formalen Brillanz, immer wieder auslösen, weil in ihnen zu spüren ist, dass sich der alte europäische Traum neuerlich - und diesmal hoffnungslos? - in einen Alptraum gewandelt hat.

Idee und Konzeption: Peter Oswald, Wolfgang Reiter
Durchführung: steirischer herbst

Eine Koproduktion von Graz 2003 - Kulturhauptstadt Europas und dem steirischen herbst.

Datum:18.09.2003 - 30.11.2003



Subprojekte:
insideout
Das Theater der Wiederholungen
Dry Clean Show
Lost Highway


externe links:
http://www.steirischerbst.at




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