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Genre: Ausstellungen
Wissenschaft/Religion

Grazer Psyche
Die Gesetze des Vaters
Problematische Identitätsansprüche - Hans und Otto Gross, Sigmund Freud und Franz Kafka

Die Ausstellung dokumentierte eine grenzüberschreitende Diskussion zwischen Kriminalistik, Anarchismus, Psychoanalyse und Literatur. Im Mittelpunkt der Ausstellung stand das Grazer Vater-Sohn-Paar Hans und Otto Gross. Hinzu traten Sigmund Freud und Franz Kafka.

Der Grazer Hans Gross war ein Reformer des Strafrechts, dessen kriminal-psychologische Arbeiten die Psychoanalytiker, insbesondere Sigmund Freud, diskutierten. 1893 gab Gross das "Handbuch für Untersuchungsrichter" heraus, das seinen Weltruf begründete. Und er gründete in Graz das weltweit erste Kriminalmuseum. Im Degenerierten sah Gross die Aufgabe der Strafe versagen und verlangte für Betroffene die lebenslange Deportation in Strafkolonien. Er beeinflusste Franz Kafka, der Hörer von Hans Gross an der Universität Prag war.
Otto Gross, Arzt, Psychopathologe und Psychoanalytiker, wuchs als braves, verwöhntes, für seine Eltern genieverdächtiges Kind heran. Doch der Duckmäuser wird zum Bürgerschreck, der Asket zum Exzentriker, der Sex und Alkohol rauschhaft konsumiert. Als Schiffsarzt macht er auf Fahrten nach Südamerika erste Drogenerfahrungen. Mit seiner Frau geht er in die anarchistische Bohème von München. 1906, als der Vater Gefängniskunde lehrt, geht der Sohn in das Aussteigermilieu nach Ascona auf den Monte Verità. Es kommt zu geheimnisvollen Selbstmorden. Zwei seiner PatientInnen/Geliebten sterben an einer Überdosis Kokain, das Gross ihnen besorgt hatte. Der Vater verhindert die Einleitung eines Strafverfahrens.
Gross verkehrt in den Kreisen der Anarchisten, Dadaisten und Expressionisten, die er auch beeinflusst: Erich Mühsam, Gustav Landauer, Franz Jung, Franz Pfemfert, Leonhard Frank. Er pflegt Kontakte zum Heidelberger Kreis, zu Alfred und Max Weber, hat ein Verhältnis mit Frieda von Richthofen-Weekley, der späteren Frau von David Herbert Lawrence, der dem Sexualmoralismus des Otto Gross in seinem Werk poetische Weihen gibt.
Der exzessive Drogenkonsum zwingt Otto Gross wiederholt zum Entzug. 1908 überweist ihn Sigmund Freud zu einer Entzugstherapie bei Carl Gustav Jung. Gross beendet die Therapie mit einem Sprung über die Anstaltsmauer. 1913 lässt ihn Hans Gross zwangsinternieren und setzt die Entmündigung des Sohnes durch. Nach wenigen Monaten kommt Otto Gross wieder frei. 1915 stirbt Hans Gross. Otto Gross lernt Franz Kafka kennen. Beide entwickeln den Plan, eine Zeitschrift unter dem Titel "Blätter zur Bekämpfung des Machtwillens" herauszugeben. Es kommt nicht dazu. Halb verhungert und fast erfroren wird Otto Gross in Berlin gefunden. Wenige Tage später, am 13. Februar 1920, stirbt er.
Otto Gross propagierte als revolutionärer Psychoanalytiker die sexuelle Revolution, den Drogenrausch und das Matriarchat. Die Gewalt innerhalb der Familie, der Gesellschaft und des Staates sah er in der Figur des Vaters verfestigt. Gross setzte die Psychoanalyse als Instrument der Gesellschaftskritik ein. Lange vor Sigmund Freud erkannte er die soziale Bedingtheit psychoanalytischer Befunde.
In der Ausstellung wurden Objekte aus der Kriminal- und Deportationsgeschichte gezeigt, sowie Materialien zur Bohème der Expressionisten und Dadaisten in München, Ascona und Berlin. Präsentiert wurden Zusammenhänge von der Kriminalistik bis zur Demontage moderner Vaterfiguren. Ausgehend von der Praxis individueller und politischer Unterwerfung, über Möglichkeiten innerer und äußerer Befreiung bis hin zum ausgetragenen Konflikt im Zeichen des Vatermords wurde den Folgen souveräner Gewaltausübung nachgegangen.

Vor diesem Hintergrund ging auch die Theaterproduktion "Fall eines Anarchisten - Dr. Otto Gross", ein Dokumentarstück des Grazer WERKRAUMtheater, den Fragen nach, die das Außenseiterdasein des Otto Gross im Kontext seiner Zeit aufwirft.

Idee und Konzeption: Gerhard M. Dienes, Ralf Rother
Durchführung: stadtMUSEUMgraz

Zur Ausstellung erschien ein umfangreicher Katalog: Die Gesetze des Vaters. Hans und Otto Gross, Sigmund Freud und Franz Kafka. Hrsg. von Gerhard M. Dienes und Ralf Rother, Böhlau 2003.

Eine Koproduktion von Graz 2003 - Kulturhauptstadt Europas und dem Stadtmuseum Graz.

Datum:04.10.2003 - 28.02.2004
Ort:Karl-Franzens-Universität Graz, Hauptgebäude
LUV-Halle
Robert-Stolz-Museum
Stadtmuseum Graz
Stadtmuseum Graz, Vortragssall





externe links:
http://www.stadtmuseum-graz.at
http://www.stadtmuseum-graz.at/gdv




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