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Genre: Literatur


writers in residence: Johannes Schmidt
Bienenstock

Man schrieb den 6. August 1885. Am Hauptbahnhof in Graz entstieg ein junger Mann dem Zug aus Wien. Alter etwa 25, groß, hager, Vollbart, das glatte Haupthaar gerade nach hinten gekämmt, dunkle Augen, der Blick energisch, aber freundlich, geordnete Kleidung. Nur wenig Gepäck. Scheint ein „besserer Mensch“ zu sein. Ein G’studierter! Wie man hierzulande zu sagen pflegte. Sagte sich zumindest ein Polizist, auf welchen der freundliche Reisende zuging. Und ihn um den Weg zu einer Familie fragte, deren Namen und Anschrift auf einem Zettel stand. "Annenstraße! das ist nicht weit von hier. Können’S auch zu Fuß erreichen; die Pferdetramway werden’S nicht brauchen. Und der Name? Bienenstock! Des müaßn Jud’n sein; sicher so polische! Was wolln’S von denen?" Der junge Mann bemerkte, dass der Polizist plötzlich einen anderen Ton anschlug. Naja, dachte er sich, verabschiedete sich vom Polizisten, der ihn fast nicht los ließ. "Zeign’S mir Ihr Dokumentl!" Der junge Reisende zog seinen Ausweis aus der Tasche und gab an, Rechtspraktikant aus Wien zu sein, er hätte auch in den letzten Monate beim Gericht in Salzburg seine Gerichtspraxis fast zur Gänze absolviert und wollte nun in Graz seine Gerichtslaufbahn fortsetzen. Der Polizist las den Namen des Herrn Rechtspraktikanten. Musste wohl auch a Jud sein. Der Polizist, welcher sich in diesem Falle keine Schwierigkeiten einhandeln wollte, gab dem von ihm ordnungsgemäß perlustrierten Fremden – Ja, Ordnung muss sein – das Dokument zurück, salutierte mit kaum merkbarer Geringschätzung und ließ den Fremden laufen.

Das war gleichsam das Entree in Graz. Der junge Mann wusste, hier wird es mir nicht anders gehen als in Salzburg, wo ich als Rechtspraktikant die Einstellung, vornehmlich durch Richter und Beamte erfahren hatte und als Jude immer wieder auf hinterfotzige Art behandelt wurde. Dabei stamme ich aus einer jüdischen assimilierten Familie, wie man zu sagen pflegt. Mit sogenannten „Polischen“ – das waren zumeist arme Juden aus dem Osten, vor allem aus Galizien – hatte ich von Haus aus nie einen Kontakt. Und jetzt soll ich mich bei einer solchen Familie einnisten! Bienenstock! Ein seltener Name. Was mochten das für Leute sein.

Der junge Mann machte sich auf den Weg. Ließ sich aber Zeit und schlenderte die Strecke vom Hauptbahnhof durch die Annenstraße bis zur Nr.49. Atmete kurz durch, betrat das angegebene Haus und hörte Kinderstimmen aus den Wohnungen. Ob ich da wohl meine Ruhe finden werde, fragte er sich. Jetzt bin ich aber schon da. Es galt nur noch, die Wohnung der Familie Bienenstock zu finden. Da kam ihm ein kleines Mädchen entgegen. "Wer bist denn du?" Fragte der junge Mann das Kind. "Ich bin die Regina." - "Und wie noch?" "Bienenstock und ich bin zehn Jahre alt. Und wer bist du?" "Ich bin der Binjamin Seew; aber du kannst ruhig Binjamin zu mir sagen. Ich werde bei euch wohnen." Das kleine Mädchern sprach fast Hochdeutsch, mit einem geringen jiddischen Akzent, und machte einen lebhaften Eindruck. Die Augen des Mädchens waren blau. Das sah Binjamin sofort; eine seltene Farbe bei "Polischen"; wie auch er heimlich dachte. "Dann werde ich Dich jetzt zu meiner Mutter führen. Du wirst sehen; sie bekommt bald wieder ein Kind." "Was heißt das; bald wieder?" "Ich habe nämlich schon drei Schwestern und sieben Brüder. Die wohnen nicht alle in diesem Haus, aber in der Nähe. Wir verstehen uns gut." "Und wie sind die Nachbarn zu Euch? Fragte Binjamin. Naja. Nicht sehr freundlich. Wenn ich groß bin, heirate ich sicher einen Mann, der kein Jude ist; dann werde ich es besser haben." Binjamin war erstaunt, von einem kleinen Mädchen Derartiges zu hören.

Regina und der Gast betraten die Wohnung der Familie Bienenstock im ersten Stockwerk des Hauses. An einem Küchenherd stand eine, wie Binjamin schätzte, etwa vierzigjährige Frau. Mit einem wunderschönen, aber unverkennbar, jüdischen Gesicht. Binjamin erschrak über sich selbst. Wie kann ich als Jude solche Gedanken haben. Fasste sich aber sofort, ging auf die Frau zu und gab ihr die Hand. Die Frau war hochschwanger. "Wann wird es soweit sein?" Meiner Rechnung nach noch zwei Monate. Dann ist aber Schluss. Mein Mann, der Jakob, ist ein braver Mann, kann aber durch seine Arbeit als Graveur kaum genug zum Leben verdienen. Die größeren Kinder müssen auch schon arbeiten. Aber jetzt ist es genug. Keine Kinder mehr. Die schöne Frau sprach das Jiddisch der Ostjuden, die oft despektierlich als Galizianer bezeichnet wurden. Binjamin verstand sie. Er entstammte einer wohlhabenden Familie, welche am Jüdischen ihrer Herkunft und an der Religion nur mäßiges Interesse hatten, sich wohl aber hin und wieder in Jiddisch unterhielt. Binjamin hatte schon als Schüler und Student seine literarische Vorliebe für die deutsche Sprache erkannt. Er sprach nahezu bühnenreif und wäre als Jude kaum erkannt worden. Allein sein jüdischer Name verriet ihn allzu oft.

Die schöne Frau – sie hieß mit Vornamen Antonie – war mit ihrem Mann in den frühen sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts aus der Gegend von Tarnow nach Graz gekommen. Beide waren damals knapp über zwanzig Jahre alt. Zu dieser Zeit war es Juden nach Jahrhunderten wieder erlaubt, sich in Graz niederzulassen. Das Elend in ihrer Heimat war so groß gewesen, dass auch ein Leben in einer judenfeindlichen Stadt, die Graz damals schon war, als geringeres Übel gegenüber den Zuständen in Galizien erscheinen musste. Antonie hatte durch die vielen Jahre der Schwangerschaft kaum Kontakte mit der einheimischen Bevölkerung in Graz. Sie wusste zwar von den Pogromen in Polen und Russland, hätte aber nie daran gedacht hätte, dass etwa fünfzig Jahre später hier in diesem zivilisierten Land Menschen gezielt die Entrechtung und schließlich Vertreibung und Mord von Juden betreiben würden. Ihre Kinder würden es sicher zu etwas bringen. Da war ihr Opfer als Mutter von zehn oder bald elf Kindern leicht zu ertragen.

Ich muss leider meine Wohnung untervermieten. Ich hoffe, es wird Euch den Aufenthalt erträglich machen. Sagte Antonie zu Binjamin. Sie sprach jiddisch. Dieser war sofort Feuer und Flamme, hatten doch bereits die kleine Regina und deren Mutter, sein Herz im Sturm erobert. Antonie lächelte und sagte zu Binjamin, dass sie noch drei Töchter hätte. Die älteste, Charlotte, wäre bereits zwanzig, die zweite, Elisabeth, sechzehn und Anna vierzehn Jahre alt. Die drei Mädchen wohnten auch in dieser Wohnung. Sie würden gerne zusammenrücken, damit Binjamin es bequem haben sollte. Binjamin zögerte einen Moment, verwarf aber alle Gedanken, sich ein anderes Quartier zu suchen; immerhin war ihm die Adresse der Familie Bienenstock von Freunden seiner Familie in Wien gegeben worden. Binjamin entschloss sich, schon angesichts der reizvollen Mutter und ihren sicher ebenso attraktiven Töchtern zu bleiben. Er erklärte Antonie, dass er als Anwärter auf ein Richteramt oder als Konzipient bei einem Advokaten in Graz bleiben würde.

Die Tage vergingen. Binjamin lernte auch Jakob Bienenstock, den Familienvater, kennen. Dieser verbrachte neben seiner Erwerbstätigkeit als Graveur viel Zeit im Tempel, der wunderschönen Synagoge am Grieskai in Graz, welche 1938 Opfer des von Antisemiten gelegten Brandes werden sollte. Von all dem schien man aber noch weit entfernt.

Binjamin, welcher bereits als Knabe seine ersten schriftstellerischen Versuche machte – er versuchte es, seinen Vorbildern Heine und Lenau gleich zu tun - hatte bis dahin Gedichte, Erzählungen und Novellen geschrieben. Er versuchte sich auch als Autor von Theaterstücken. Auf Wunsch seiner Eltern musste er aber studieren und sollte als Doktor beider Rechte einem juristischen Broterwerb nachgehen. Graz war sohin eine weitere Station auf diesem Wege, wenn es nach dem Willen der Eltern ging.

Binjamin war schon einige Tage in Graz, dachte überhaupt nicht daran, sich beim Oberlandesgericht anzumelden und wurde in dieser Haltung auch von den Frauen im Hause Bienenstock bestärkt. Der gutaussehende junge Mann verbrachte viel Zeit im Hause seiner Gastgeber, machte viele Spaziergänge in die Umgebung der Stadt und wurde abwechselnd von den schönen jungen Frauen begleitet. Auch Antonie, welche früher kaum, und schon gar nicht im Stadium einer vorgerückten Schwangerschaft, von zu Hause weggegangen wäre, beeilte sich häufig, an der Seite des großgewachsenen Gastes zu sein. Sie entdeckte ein Verlangen nach dem fremden Mann, das ihr bislang unmöglich erschienen war. Jakob Bienenstock mag das alles geahnt haben und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Er war ein frommer Mann und glaubte daran, dass Gott nichts Schlechtes geschehen lassen würde. Binjamin begleitete Jakob zwar das eine oder andere Mal in das Bethaus, mochte aber an der Hingabe der versammelten Juden zu Gott als aufgeklärter Mann, der er ja war, kein Gefallen finden.

Binjamin erkannt sehr wohl die Gefahr, die auch von ihm ausging, fühlte sich jedoch in der einfachen, aber anheimelnden Umgebung der Familie Bienenstock wohl. Seine Schreibtätigkeit wurde durch sein inneres Feuer angefacht. Binjamins dichterische Phantasie erhielt durch die Gesellschaft der fünf weiblichen Wesen reichlich Nahrung.
Da langte eines Tages ein Brief seiner Eltern ein. Binjamin sollte seine Zelte in Graz abbrechen. Es hätten sich Angebote ergeben, welche der Sohn unbedingt wahrnehmen müsste. Darunter auch das eines Redakteurs einer renommierten Zeitung.

Binjamin, welcher abwägen musste, wie er sein künftiges Leben verbringen würde, entschied sich für die Abreise aus Graz. Er war in einem inneren Zwiespalt. Antonie könnte angesichts ihrer Familie nie die Seine werden. Auch die kleine Regina, welche es –alles in Ehren- Binjamin angetan hatte, würde erst in zehn Jahren eine erwachsen Frau sein. Dann wäre Binjamin auch schon fünfunddreißig. Aber was bis dahin ? In einer Stadt wie Graz !

Es war ein tränenreicher Abschied. An einem Morgen im September des Jahres 1885 bestieg Binjamin den Zug nach Wien und sollte nie mehr nach Graz zurückkehren.

Einige Monate hindurch schrieben Antonie und ihre Töchter noch Briefe an „Binjamin Seew“, Adresse „Wien“. Keiner der Briefe langte je beim Empfänger ein. Da auch dieser sich selbst überwand und nie mehr einen Brief an die Familie Bienenstock schrieb oder ein anderes Lebenszeichen von sich gab, hörten auch die Frauen des Hauses Bienenstock auf, an Binjamin zu denken. Das Leben ging weiter. Die Mitglieder der Familie Bienenstock hatten mit ihrer Existenz zu kämpfen. Regina heiratete im Jahre 1895 einen nichtjüdischen Mann aus Regensburg, Andreas Brücklmeier. Antonie gebar 1888 ihr elftes Kind, Heinrich. Einige Kinder der Familie Bienenstock starben noch im neunzehnten Jahrhundert. Die Söhne von Jakob und Antonie Josef, Markus und Heinrich wurden 1942 von den Nazis in den Osten deportiert und kehrten nie mehr zurück. Der 1904 geborene Sohn der Regina, Hermann Brücklmeier, wurde Ende 1944 in Wien durch die Gestapo verhaftet und starb im Konzentrationslager Buchenwald wenige Wochen vor dem Ende der Nazischreckensherrschaft. Regina überlebte durch ein Wunder die furchtbare Zeit und starb im August 1966 in Graz. In Graz leben derzeit noch einige ihrer Urenkel.

Antonie Bienenstock starb am 21.1.1905. Ihr Grab befindet sich auch heute noch auf dem Israelitischen Friedhof in Graz. Jakob Bienenstock starb am 13.Jänner 1929. Wo er und seine anderen Kinder begraben sind, ist unbekannt.

Binjamin Seeb wurde ein bekannter Schriftsteller und Theaterautor. Unter seinem bürgerlichen Name,n Theodor Herzl, reiste er in der Welt herum und übte nie mehr einen juristischen Beruf aus. Er setzte sich maßgeblich für die Sache der Juden, für einen „Judenstaat“ , ein. Theodor Herzl starb am 3. Juli 1905. Am 14. Mai 1949 verlas der israelische Politiker Ben-Gurion im Museum Tel Aviv die Unabhängigkeitserklärung des Staates Israel. Auf einem Lichtbild dieses Aktes ist das Bild Theodor Herzls zu sehen. Seine Visionen und sein Kampf für einen Staat der Juden hatten sich verwirklicht.

Man mag die Frage stellen, was aus Theodor Herzl geworden wäre, hätte sich dieser nicht dem Ruf seiner Eltern gebeugt und wäre für den Rest seines Lebens in Graz geblieben. Mit Recht kann daran gezweifelt werden, dass er seine Visionen durchsetzen hätte können und wollen. Theodor Herzl hätte vermutlich eine der schönen Töchter der Familie Bienenstock oder gar ein nichtjüdisches Mädchen geheiratet, wäre allenfalls Advokat in Graz oder als Schwiegersohn des Jakob Bienenstock Betreiber einer Gravieranstalt geworden. Er hätte sicher seine Sehnsüchte als Schriftsteller zu befriedigen gesucht, wäre aber letztlich als Grazer Autor in eine innere Emigration geraten. Dahingestellt muss auch bleiben, ob es ohne ihn bald zu einem Staat Israel gekommen wäre.

Dr. Johannes Schmidt, geboren am 16.September 1935, in Graz.

Väterliche Herkunft: Großvater Hans Schmidt, geb. in Osijek/Slawonien, gest.1969 in Graz; Großmutter Theresia Schmidt geb. Godetz, geb. in Feistritzwald, gest. 1973 in Graz;
Mütterliche UrgroßmutterRegina Brücklmeier, geborene Bienenstock geb.8.7.1875 in Graz, gestorben 12.8.1966 in Graz;
Mütterliche Ururgroßeltern:
Jakob Bienenstock, geb.1842 in Sokolow/Tarnow, Galizien, gest.13.2.1929 in Graz;
Antonie Bienenstock geb. Rosenblum, geb.1844 in Lanczut, Galizien, gest.21.1.1905 in Graz.

Johannes Schmidt, geb. am 16. September 1935 in Graz. In der Zeit zwischen 1939 und 1950 mit Mutter meistens in Wien
Seitdem ununterbrochen in Graz wohnhaft und berufstätig.
Schulzeit: Akademisches Gymnasium in Wien, ab Schuljahr 1950/51 Akademisches Gymnasium in Graz bis zur Matura (mit Latein und Griechisch); Nach Matura Beginn eines Philosophiestudiums an der Karl-Franzens-Universität in Graz, abgebrochen und Studium beider Rechte bis zur Promotion 1963 (Dr.iuris utriusque); Daneben während des Studiums Werkstudent (als Graveur und Stempelsetzer); nach Beendigung des Jusstudiums Gerichtsjahr und Konzipientenzeit in Graz; ab 25.10.1969 selbständig als Rechtsanwalt und Strafverteidiger in Graz; nunmehr als Rechtsanwalt emeritiert; Regelmäßig tätig als Übersetzer und Dolmetscher nach und infolge jahrzehntelanger Fremdsprachenstudien und Reisen (englisch, französisch, italienisch, spanisch, katalanisch, portugiesisch, hebräisch, niederländisch u.a.). Seit etwa 1990 Verfasser literarischer Texte (Diverse Veröffentlichungen).
Neben literarischer Tätigkeit Maler und Graphiker mit zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland (Vernissagen mit Lesungen).
In jüngeren Jahren Amateurboxer und Reiter.
Seit Frühjahr 2001 regelmäßig Radio-Sendungsmacher und nunmehr auch Redakteur beim Verein Freies Radio Helsinki in Graz.

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